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Wo kommen wir denn da hin?

Drei Fehler, die die Bundesregierung jetzt nicht machen darf

Bemerkenswertes war zu hören auf und nach dem 1. Deutschen Pflegetag in Berlin. Nach dem missglückten, man könnte auch sagen, nie gewollten, „Jahr der Pflege“ 2011 war die Skepsis unter den Pflegenden berechtigterweise groß. Mit dem Thema Pflege konnte Bundeskanzlerin Merkel im Wahlkampf kaum punkten, und in der Berufsgruppe Pflege war verhaltene Enttäuschung zu spüren, dass das Gesundheitsministerium an seiner Spitze mit einem Juristen besetzt wurde, der sich zwar in der Union Meriten verdient hat, jedoch fachfremd ist.

Lobenswert dabei, dass sich die Bundesregierung nach den negativen Vorerfahrungen nun nicht selbst auf eine erneute, plakative Kampagne ohne Inhalt reduzieren möchte. Statt dessen legt Minister Gröhe in seiner Rede Wert auf mittelfristige Entwicklungen und den Dialog mit allen Beteiligten. Dabei gilt es im Wesentlichen, drei Fehler zu vermeiden:

 

1. Pflegebedürftige und Pflegende dürfen nicht gemeinsam als Komplex „Pflege“ verstanden werden

Einen ersten Fehler seiner beiden Vorgänger hat Gröhe nicht gemacht: Eine Reform anzustreben, die an den Pflegenden vorbei geht. Mit dem „Pflege-Bahr“, gerne auch Mini-Bahr genannt, hat die aus dem Amt geschiedene Bundesregierung ein zentrales Versprechen sehr einseitig im Interesse ihrer Stammklientel eingelöst. Gestärkt wurde vor allem die Attraktivität privater Zusatzversicherungen und persönlichen Engagements gegenüber pflegebedürftigen Angehörigen. Das kann man clever nennen (auch wenn die FDP dennoch nicht in den neuen Bundestag eingezogen ist), oder dreist. In der goldenen Mitte ist es jedoch eine fehlende inhaltliche Differenzierung, die für wenig konkrete Fortschritte sorgt. Während durch die Scheinlösung finanzieller Entlastung den Pflegebedürftigen weiterhin professionelle Hilfe versagt wird, erweitert sich das Handlungsgebiet professionell Pflegender, ohne dass dies finanziell entlohnt wird. Die Beratung pflegender Angehöriger wird nach diesem Entwurf einen deutlich höheren Stellenwert einnehmen, wenn ambulante Dienste ihrer Aufgabe nachgehen. Eine Entlohnung ist dafür aber allenfalls pauschaliert vorgesehen; eine Abrechnung nach einzelnen Beratungsinhalten wird durch die restriktive Finanzpolitik der Pflegekassen quasi verhindert.

Gleichzeitig fehlen Mechanismen der Qualitätssicherung, die sicher stellen, dass die durchgeführten Maßnahmen auch dann fachlich korrekt sind, wenn sie statt durch professionelle Dienstleister durch pflegende Angehörige erbracht werden. Das Credo „Pflegen kann jeder“ ist gefährlich, und Pflegebedürftigkeit kein Try and Error-Spiel. So lange pflegenden Angehörigen nach einem Wochenend-Seminar der örtlichen Krankenkasse weisgemacht wird, dass sie nun pflegen können, ist die Gesundheit der zu Pflegenden in Gefahr.

Die Pflegenden selbst in einen zusätzlichen Mittelpunkt zu stellen, ist daher dringend notwendig. Die Situation der Pflegenden darf nicht mit der Situation der zu Pflegenden verschwimmen. Leistungen leistungsgerecht gegenzufinanzieren, das ist die große Aufgabe der neuen Bundesregierung, für die die 3,6 Milliarden Euro, die Minister Gröhe ab 2015 jährlich mehr einnehmen will, aufgewendet werden müssen.

 

2. Die Geduld der Pflegenden darf nicht weiter strapaziert werden

Die Etablierung des Deutschen Pflegetages als wichtige neue Veranstaltung zu loben, ist ein freundlicher Einstieg, und groß ist die Verlockung, daraus die Aussage zu entwickeln, man sei auf dem richtigen Weg. Das mag stimmen oder auch nicht, außer acht wird dabei jedoch gelassen, dass die alte Bundesregierung bereits für 2011 ein viel größeres Projekt versprochen hatte: Das „Jahr der Pflege“ 2011 war eine unfassbar peinliche Versprechung, die in der Berufsgruppe Pflege für große Enttäuschung gesorgt hat. Auch wenn vollmundige Aussagen einzelner Minister nicht mit vollständig mit einem Versprechen der gesamten Bundesregierung gleichgesetzt werden dürfen: Aus der Sichtweise der Pflege sind damit die Spitzenverantwortungsträger bereits seit drei Jahren in der Bringschuld.

Es mag unfair wirken, eine neue Regierung für die Fehler der alten verantwortlich zu machen. Tatsache ist jedoch, dass der Handlungsbedarf, der 2011 bestand, auch heute unverändert weiter besteht. Gleichzeitig müssen sich Entscheidungsträger auf Bundesebene glaubhaft darum bemühen, Vertrauen in „die Politik“ wieder zurück zu gewinnen, dass 2011 verspielt wurde. Neben aller langfristiger Strategie ist also auch kurzfristig darauf zu achten, dass die jetzigen Zusagen, die Pflege in den Mittelpunkt einer breiten Debatte zu stellen, nicht wieder als hohle Phrasen enden. Konkreter sind die Aussichten geworden, nun müssen sie auch realisiert werden.

 

3. Pflege ist nicht nett – auf Nächstenliebe sollte sich niemand berufen

Zugegebenermaßen, die Frage, welche Eigenschaften der Pflege nun zuzuschreiben sind, ist tückisch für Politiker. Groß ist die Verlockung, der größten Berufsgruppe im Gesundheitswesen damit zu schmeicheln, dass man unter der Aufmerksamkeit bundesweit agierender Medien hervorhebt, in der Pflege komme es vor allem auf die sozialen Kompetenzen an. Was wie ein Lob an die Menschlichkeit der Pflegenden klingt, ist jedoch süßes Gift. Dadurch wird mit wohlfeilen Worten ausgedrückt, dass „nett sein“ das zentrale Qualitätskriterium der Pflege ist.

Die Pflege will aber nicht nett sein. Sie will ihre Aufgabe so erfüllen, wie es den gesetzlichen und fachlichen Anforderungen entspricht. Zweifelsohne gehört ein hohes Maß an Empathie zu den wichtigsten Voraussetzungen, die Berufsanfänger jeden Alters bei sich feststellen sollten. Die Pflege darauf zu reduzieren, unterwandert jedoch die fachliche Kompetenz in Prävention und Nachsorge. Ereignisse wie Stürze, Pneumonien und Dekubitalgeschwüre können durch Pflegende zwar nicht vollständig verhindert, jedoch in ihrem Auftreten signifikant gesenkt werden. Bei der Behandlung chronischer Wunden und Schmerzen greifen Ärzte neben ihrer eigenen fachlichen Erkenntnis auf wissenschaftlich gestützte Erkenntnisse und Kenntnisse der Pflege zurück.

Zu erwarten, dass all dies aus reiner Nächstenliebe geschieht und damit zu kompensieren ist, dass zentrale Verantwortungsträger einen ambulanten Pflegedienst mit einer Tüte Brezeln und dem Freikratzen der Windschutzscheibe beglücken, ist ein Fehler, den Minister Gröhe nicht begehen sollte.

Der Anfang zu diesem Verständnis ist gemacht. Im Berliner Kurier veröffentlichte Heiner Geißler dieser Tage ein Plädoyer für höhere Anerkennung der Pflege. Man kann ihm kaum genug dafür danken, dass von „nett“ und „Nächstenliebe“ auch zwischen den Zeilen wenig zu lesen war, dafür um so mehr von Arbeitsbedingungen, Personalmangel und sinnlosem Kontrolldruck der Kassen.

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Dieser Eintrag wurde am Januar 29, 2014 von veröffentlicht.

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