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Wo kommen wir denn da hin?

Verkammerung der Pflegeberufe: Warum mich Hamburg nicht traurig stimmt

 

Zunächst gab es Erstaunen, wenn nicht gar Entsetzen unter den Befürwortern der Pflegekammern: Die Befragung der Hamburger Pflegenden ergab keine Mehrheit für die Einrichtung einer Kammer. Nur 36% der Antworten fielen positiv aus, damit bleibt das Bundesland Hamburg deutlich unter der Zustimmung, die Pflegende in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein ausgesprochen haben.

Zugegeben: Angesichts der Dynamik, die sich vor allem in Schleswig-Holstein zeigt, ist dieses Ergebnis überraschend, und man könnte versucht sein, zu unken, dass da ein Strohfeuer abgebrannt sei. Das stimmt aber nicht. Die Zahlen sind nämlich nicht nur repräsentativ, sondern vor allem differenziert aufgeschlüsselt. Und schnell wird deutlich: Auch die Ablehnung einer Verkammerung erfährt keine absolute Mehrheit. Lediglich 48% lehnen eine Pflegekammer ab, 16% der Befragten sind unentschieden.

Und hier gilt es zu unterscheiden: Für eine Ablehnung kann es viele Gründe geben. Angst vor Veränderungen, gezielte Falsch- oder Desinformationen, persönliches Desinteresse und eine generell unreflektierte Haltung gegenüber der berufspolitischen Situation der Pflege sind da nur die Spitze des Eisbergs. Insbesondere die Tatsache, dass der am häufigsten (30%) genannte Grund für die Ablehnung die Angst vor zu hohen Beiträgen war, obwohl noch niemand seriös sagen kann, wie hoch sie überhaupt ausfallen, macht die Ablehnung zu einer Farce und einem temporären Zustand als Ergebnis gezielter Verunsicherung. Für eine Zustimmung gibt es jedoch nur einen Grund: feste Überzeugung.

Die Zahl, und vor allem die Struktur der Kammergegner hat sich dabei in den vergangenen zwei Jahren signifikant verändert. Entstand 2012 noch eine seltsam anmutende Koalition aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern sowie der Bundesärztekammer, die sich gemeinsam gegen eine Verkammerung aussprachen, sind zwei wesentliche dieser drei Säulen mittlerweile weggebrochen: ver.di zeigt sich in den rheinland-pfälzischen Vorgesprächen aufgeschlossen und offen. Das hat sicher damit zu tun, dass sich deren größte Sorge ohnehin als haltlos erwiesen hat: Das Ausscheren aus der solidarischen Altersvorsorge war nie Bestreben der Kammerbefürworter. Und auch die Angst vor einem Mitgliederschwund ist mittlerweile einer pragmatischen Sichtweise gewichen.

Auch unter den Ärzten ist die Zahl der Skeptiker an der Basis offensichtlich weitaus geringer, als die Ablehnung der BÄK hätte vermuten lassen können. Und das ist auch nicht verwunderlich – immerhin steht im Interesse beider Berufsgruppen das Wohl der Patienten, die von einer Verkammerung profitieren.

Einzig der bpa stellt sich noch stur in den Wind. Dabei werden nicht nur, wie oben verlinkt, falsche Befragungsergebnisse gestreut und unseriöse Beitragsvermutungen als Horrorszenario in die Luft gezeichnet. Die Haltung des bpa erinnert an ein kleines Kind, das sich die Augen zuhält, damit es keine Probleme sieht. Und damit leider auch nicht die Chancen, die sich daraus ergeben. Ohne eine Kammer haben die Pflegeeinrichtungen, und damit die Mitglieder des bpa, wenig Chancen, von den zusätzlichen 2,4 Milliarden Euro, die Gesundheitsminister Gröhe für 2014 für die Pflegekassen einnehmen will, mehr als den absoluten Bodensatz abzubekommen. Wer mehr Geld haben will, muss das auch begründen. Und Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Alheit hat uneingeschränkt recht, wenn sie sich darüber empört, dass sich Arbeitgeberverbände in der Pflege lauthals für eine bessere Bezahlung der Pflegenden stark machen, obwohl sie selbst dafür die Verantwortung haben.

Pflegende sind keine Beamten, sie werden nicht vom Staat bezahlt, sondern von Arbeitgebern, ob nun privat oder frei-gemeinnützig. Wenn Pflegeeinrichtungen also krakeelen, dass die Pflege unterbezahlt ist, müssen sie sich erstens an der eigenen Nase fassen und zweitens den Rahmen dafür bieten, dass es einen Grund dafür gibt, dass ihre Unternehmen von Mehreinnahmen aus der Pflegeversicherung profitieren. Das geht aber nicht ohne eine steigende fachliche Fundiertheit. Für nix gibt’s auch nix. Das ist leider eine bittere Wahrheit. Der bpa sollte also schleunigst aufhören, gegen die Interessen seiner eigenen Mitglieder zu agieren, sonst droht ihm ein massiver Mitgliederschwund. Nicht jeder Zusammenschluss von Pflegeunternehmen lehnt die Verkammerung ab.

Insofern wird die Ablehnung bröckeln, die Zustimmung wird steigen; und wer die lange Entwicklungsgeschichte der Pflegekammern kennt, der weiß, dass es in vielen Bundesländern mehrere Anläufe brauchte, bis die Frage nicht mehr lautete „Warum eine Pflegekammer?“, sondern „Warum keine Pflegekammer?“

Aber was mich am zuversichtlichsten stimmt: Unter den Auszubildenden stimmten 58,8% zu. Und die schmelzen nicht so schnell aus der Pflege wie diejenigen, die Angst vor zu viel Veränderung haben.

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Dieser Eintrag wurde am Februar 5, 2014 von veröffentlicht.
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