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Wo kommen wir denn da hin?

Todesursache Pflegenotstand: Mehr Giraffen für deutsche Pflegeheime!

Wie viel Pflegenotstand ist notwendig, damit Menschen zu Tode kommen? Und ist diese Frage jetzt in erster Linie plakativ oder zynisch? In Berlin wird einem ungelernten Pflegehelfer der Prozess gemacht, weil er eine Bewohnerin mit dementieller Erkrankung beim Duschen so schwer verbrüht hat, dass sie an den Folgen starb. In sechs Wochen soll das Urteil gefällt werden. Klar ist jetzt schon: Diese kurze Zeitspanne wird zentralen Fragen nicht gerecht.

Nun könnte man fragen, wie blöd ein Mensch eigentlich sein kann, dass er heiß und kalt verwechselt – aber nach der Darstellung des rbb war dem 33jährigen die Temperaturkontrolle mit der Hand nicht möglich, und die Armatur verkehrt herum eingebaut. Und damit ist natürlich auch die Frage verbunden, ob die Einrichtung sicher gestellt hat, dass der Pflegehelfer darauf hingewiesen ist. Aber wo das Credo vorherrscht, dass Dokumentationsqualität gleich Ergebnisqualität ist, ist mit einem Haken im Einarbeitungsbogen der Pflicht genüge getan.

Aber wer soll das leisten, wenn der Anspruch über einen Haken hinausgeht und erwartbar ist, dass eine fachgerechte Einweisung auch tatsächlich statt gefunden hat? Einarbeitung setzt voraus, dass qualifiziertes Personal dafür zur Verfügung steht. Und zwar in ausreichender Menge (und mir sei verziehen, dass der Begriff „Menge“ eigentlich entpersonalisierend ist). Wenn der Substanzverlust an fachlicher Qualifikation einen Point of no return überschritten hat, dann können Einzelne auch die gravierendsten Mängel nicht mehr vermeiden. Wenn dann dramatische Fehler mit tödlichem Ausgang passieren, dann nicht, weil Prioritäten falsch gesetzt worden sind, sondern weil keine Prioritäten mehr zu setzen sind.

Und man darf sich hier eben nicht dazu verleiten lassen, einfach auf die nächsthöhere Ebene zu gehen und zu unterstellen, dass die Einrichtung zu wenig Fachpersonal angestellt hat. Es wird wohl kaum jemand behaupten wollen, dass eine Pflegeeinrichtung glücklich und zufrieden damit ist, eine Pflegefachperson pro Schicht für das gesamte Heim zur Verfügung zu haben. Nein, die Wahrheit liegt an zentralerer Stelle: Wo Pflege so unterfinanziert ist, dass selbst Mindeststandards nicht mehr eingehalten werden können, sind nicht mehr einzelne Pflegende oder Verantwortungsträger einer Einrichtung im Fokus. Es geht bereits jetzt um die Frage, was mit den für 2015 veranschlagten zusätzlichen Einnahmen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung geschehen soll.

Vielleicht ist die Pflege da einfach zu bescheiden und schüchtern in ihren Aussagen. Um damit mal zu brechen: Wo Pflegefachpersonen fehlen, da sterben Menschen. Da gibt es nichts zu beschönigen, höchstens zu ignorieren. Das ist keine Frage einzelner Personen. Das ist auch keine Frage einer Einrichtung. Es ist eine Frage systemischen Versagens, das einen Menschen das Leben gekostet hat.

Aber juckt das jemanden? Groß ist der Aufschrei nicht – und da hätte ich eine Idee. Auf eine getötete Giraffe kommen im Schnitt etwa 116.000 Protest-Unterschriften. Packen wir doch also in jedes deutsche Pflegeheim eine Giraffe. Bei 694 verbrühten Giraffen müsste dann meinen Berechnungen nach jeder Einwohner der Bundesrepublik Deutschland einmal unterschrieben haben.

Der MDK hat der Einrichtung übrigens im Januar 2013 eine Gesamtbewertung von 1,2 gegeben. Verlinkbar ist der Prüfbericht leider nicht direkt, aber der rbb-Bericht gibt die notwendigen Informationen dafür her. Naja, Transparenz ist anders.

 

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2 Kommentare zu “Todesursache Pflegenotstand: Mehr Giraffen für deutsche Pflegeheime!

  1. snoopylife
    Februar 16, 2014

    Sehr gut. Weiter so, ich meine mit diesem Blog. Fantastische Art, die Dinge beim Namen zu nennen.

  2. Nanunana's Kramkiste
    Februar 17, 2014

    Hat dies auf nanunana´s Kramkiste rebloggt.

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Dieser Eintrag wurde am Februar 14, 2014 von veröffentlicht.
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