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Wo kommen wir denn da hin?

Vorsicht, Knusperhäuschen: Das Märchen vom Pflegeparadies Deutschland

Liebe nach-ausländischem-Pflegepersonal-Rufer: Hört auf damit! Forderungen werden nicht dadurch sinnvoller, dass sie mantrahaft wiederholt werden. „Im Ausland händeringend nach Fachkräften zu suchen, die hier in Deutschland arbeiten wollen, ist angesichts der hiesigen schwierigen Arbeitsbedingungen nicht nur paradox, sondern auch subtil diskriminierend“ hat der dip-Direktor Frank Weidner diese Frage auf dem ersten Deutschen Pflegetag kommentiert. Und er ist damit noch sehr diplomatisch geblieben.

„Wer betrügt, der fliegt“, so lautete das Credo der CSU, kaum dass die neue Bundesregierung im Amt war. Das ist nicht nur subtil diskriminierend. Dieses Statement greift die offenbar doch tief verwurzelte Vorstellung auf, dass Bürger osteuropäischer Staaten einen Umzug in ein anderes Land in Erwägung ziehen, um dort Sozialleistungen abzuschöpfen. Dann aber im selben Moment freundlich zu winken und zu sagen, dass in der Pflege Platz für alle ist, hat ein bisschen was von der Hexe aus Hänsel und Gretel. Da muss man sich schon entscheiden, was man will.

Und diese Haltung ist nicht nur paradox, sondern auch maßlos arrogant. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch Bulgaren und Rumänen denken und rechnen können. Die haben immerhin einen Hochschulabschluss, wenn sie in ihrer Heimat zu arbeiten beginnen. Und die kennen solche Statistiken sicher auch. Wer sich für einen Wegzug aus seinem Heimatland entscheidet, der wird innerhalb der europäischen Union sicher attraktivere Handlungsfelder finden als die deutsche Pflege.

Die Hoffnung, den Backofen Pflege mit knusprigem verirrtem Personal zu füllen, wird auch spätestens dann patientenfern, wenn das nachgewiesene Sprachniveau nicht über Alltagssprache mit vertrauten Inhalten hinausgehen soll. Wer glaubt denn ernsthaft, dass Leute mit Hochschulabschluss glücklich damit sind, wenn sie ihr Fachwissen selbst darauf reduzieren müssen, sich mit ihren Patienten und Bewohnern mit Allgemeinplätzen verständigen zu können?

Und es ist halt leider auch ein Irrglaube, dass Erfolgszahlen aus dem IT-Bereich mal eben auf die Pflege übertragen werden können. Sie lassen nämlich den Faktor Mensch außer Acht. So eine lebenserfahrene Persönlichkeit ist halt doch was anderes als ein Computer, und dementielle Erkrankungen erfordern eben einfach eine komplexere Kommunikation als ein Routerausfall.

Es ist aber natürlich allemal einfacher, den Müll wo anders hinzukehren, damit man ihn nicht vor der eigenen Haustür hat. Es hat schon etwas von „Wir geben auf“, wenn der Ausbau der Akademisierung der Pflege in Deutschland, verlässliche Mindeststandards in der Praxisanleitung und eine Mindestpersonalbesetzung nicht auf der Agenda derer stehen, die lauthals nach Personal aus dem Ausland rufen.

Aber diese Forderungen sind nicht nur paradox und diskriminierend. Sie sind eine moderne Form des Kolonialismus. Sich mehr oder minder wahllos in Osteuropa bedienen zu wollen, lässt einen Faktor vollkommen außer Acht: Diese Länder brauchen ihre Pflegenden selber. Wo vor allem junges und gut ausgebildetes Personal das Land verlässt, wo Geburtenraten rückgängig sind, da ist die Förderung der Emigration substantieller Raubbau an den Ressourcen einer Gesellschaft. Und zwar in doppelter HInsicht: Nicht nur fehlt berufsaktives Fachpersonal, es fehlt auch an qualifizierten Ausbildenden. Ressourcen gehen nicht nur kurzfristig verloren, ihr Verlust hat einen nachklingenden Effekt.

Wie schnell da falsche Hoffnungen enttäuscht werden, und wie wenig nachhaltig mit im Ausland angeworbenem Fachpersonal umgegangen wird, zeigt die Erfahrung, die tunesische Auszubildende in Hamburg machen mussten. Da wäre dann schon mal interessant, ob wirklich fliegt, wer betrügt. Fragt mal die Hexe – ach nee, könnte schwer werden.

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Dieser Eintrag wurde am Februar 17, 2014 von veröffentlicht.
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