momentnotaufnahme

Wo kommen wir denn da hin?

Wisst Ihr eigentlich, was „Pflege“ heißt?

Wenn ihr dann mal fertig seid mit „Germany’s Next Topmodel“ gucken, überlegt Euch einfach mal, was wir um 23 Uhr nachts machen. Wir schauen uns 30% verbrannte Hautfläche in der Notaufnahme an, so ganz ohne Lipgloss, und retten ein Menschenleben. Das stinkt, das ist ekelhaft, und wir können den Patienten nur Ohnmacht wünschen, weil wir selbst ganz sicher keine Lust haben, Menschen dabei zuzusehen, wie sie qualvolle Schmerzen leiden. Das müssen wir nämlich oft genug erleben.

Unser Cocktailabend heißt Alkoholentgiftung eines 14-jährigen Mädchens. Könnte das Eure Tochter sein? Und 20 Sekunden später sind wir im nächsten Zimmer, um Erbrochenes vom Boden aufzuwischen. Spaß macht das keinen, aber professionell, wie wir sind, beobachten wir das Ergebnis noch auf Blutspuren und Geruch. Unser tägliches Dschungelcamp.

Es gibt Tage, da weinen wir auf dem Weg zur Arbeit, und es gibt Tage, da weinen wir auf dem Weg zurück. Weil uns unsere Patienten und Bewohner nicht egal sind. Weil wir gar nicht wissen, wo wir anfangen und aufhören sollen mit Aufgaben, die wir uns nicht selbst aussuchen können – obwohl wir uns den Beruf ausgesucht haben. Weil wir die Hand eines sterbenden Menschen gehalten haben, dessen Lächeln uns vor ein paar Tagen noch den Mut zugesprochen hat, dass es sich lohnt, diese Mängelverwaltung, die Pflege genannt wird, auf sich zu nehmen.

Samstag nachmittags lautet die Frage für uns nicht „Gummibärchen oder Chips?“, nicht „HSV oder Bayern?“, sondern „Wieso sind wir schon wieder nur zu zweit in der Spätschicht?“. Und das fragen wir uns jeden zweiten Samstag. Und am Sonntag schon wieder. Unsere Laufleistung ist trotzdem jeden Tag höher als die von Borussia Dortmund. Nur dass die zu elft für elf Leute sind, ist dann vielleicht noch mal ein kleiner Unterschied.

Ich weiß, dass es jetzt leicht ist, zu sagen „Also, ich könnte das nicht machen.“ Und ja ja, „Früher oder später trifft es jeden Mal“. Auf unterschwelliges Mitleid kann ich aber dankend verzichten. Pflegen kann ganz sicher nicht jeder. Statt Mitleid wäre Respekt mal ganz angebracht. Und zwar nicht früher oder später.

Die Pflege ist um das „Jahr der Pflege 2011“ betrogen worden. Das ist das heuchlerische Ergebnis davon. Aber immerhin ein paar Brezeln und Kaffee haben wir bekommen. Das ist schon unglaublich herablassend: Wir sind Lebensretter, und keine Kaffeevernichter. Sind wir so viel wert wie gute Handwerker? Nein? Naja, vielleicht dürfen wir ja im Supermarkt in Zukunft mit Umarmungen bezahlen. Wo man es doch mit Herz machen muss…

 

 

 

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5 Kommentare zu “Wisst Ihr eigentlich, was „Pflege“ heißt?

  1. Heide Helga
    Februar 18, 2014

    Hat dies auf Heide Helga rebloggt und kommentierte:
    Genau so siehts aus :-/

  2. Diana Leisering
    Februar 19, 2014

    Daumen ganz weit oben und doppelt und dreifach

  3. Anette Angel
    Februar 19, 2014

    Ohne Wenn und Aber so ist es!

  4. rainer hofmann
    Februar 20, 2014

    Nur die Liebe in sich spüren zu höherem, können diese Aufgabe der Pflege,
    wircklich leben. Ich weis aus eigener Erfahrung was es bedeutet . Danke, dass Du
    da bist und hilft. gruss rainer.H.

  5. @pflegepuls
    April 3, 2014

    Toller Beitrag. Auf den Punkt.

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Dieser Eintrag wurde am Februar 18, 2014 von veröffentlicht.
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