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Wo kommen wir denn da hin?

„Da hast Du zehn Pfennig, kauf Dir ein Eis!“ – (Un-)Lösungsvorschläge für den Pflegenotstand

Am Samstag liegt die Pflege mal wieder am Boden. Das tut sie eigentlich ständig, aber diesmal mit voller Absicht und aus eigenem Willen. Die letzten Wochen haben vor allem eines gezeigt: So langsam sollten in der Bundesregierung mal Zuständigkeiten geklärt werden.

Es ist ja schon bemerkenswert, wer da in letzter Zeit was gesagt hat. Noch bemerkenswerter ist allerdings, wer da alles nichts gesagt hat, oder ganz andere Dinge, als er eigentlich sagen könnte und vielleicht auch sollte.

Fangen wir mit Jens Spahn an, dem gesundheitspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion im Bundestag. Der gehört damit formell gar nicht dem Bundeskabinett an, ist aber immerhin mal als erster vorgeprescht und hat vorgeschlagen, das Geld aus der Erhöhung der Pflegeversicherung in Präsenzkräfte zu investieren. Der Mann wird wissen, was er da sagt, er ist ja schließlich Bankkaufmann.

Eine Woche später war dann von Karl-Josef Laumann zu lesen, dass er den Präsenzkräften „geschulte Rentner“ dann doch vorziehen würde. Als Maschinenschlosser hat er sicher einen besseren Einblick in die Materie als sein Fraktionskollege Spahn – das ist wohl auch der Grund, weshalb er zum Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung ernannt wurde.

Bei solchen Vorschlägen muss sich dann aber einer mal fragen lassen, ob er sein Ressort überhaupt noch im Griff hat, und das ist der Bundesgesundheitsminister. Sorry, Herr Gröhe, aber wenn schon jeder dahergelaufene Irgendwasler meint, ein Patentrezept für die Behebung des Pflegenotstands zu haben, dann fände ich es schon mal ganz angebracht, wenn Sie wenigstens mal auf den Tisch hauen und sagen, dass das aus fachlicher Sicht… und dass Pflegefachpersonnnnnnnnach nein, Sie sind ja Jurist. Und haben offensichtlich den Mechanismus gelernt, möglichst wenig Verbindliches zu sagen. Stattdessen schicken Sie dann die Nachbarn vor, die uns ein Zehn-Pfennig-Stück in die Hand drücken und milde lächelnd sagen, dass wir uns davon jetzt erst mal schön ein Eis kaufen sollen.

Das soll jetzt aber kein Unions-Bashing werden. Immerhin ist ja auch die SPD an der Bundesregierung beteiligt. Da hat es Hilde Mattheis im Moment wirklich nicht leicht: Ihr Vorgänger als gesundheitspolitischer Fraktionssprecher, Karl Lauterbach, ist zur Zeit mehr damit beschäftigt, edathygenen Schaden bei Günther Jauch abzuwehren. Ist ja auch wichtig, und vielleicht ist Frau Mattheis als Grund- und Hauptschullehrerin mit der Materie auch einfach noch nicht ganz warm geworden. Es sind ja auch noch dreieinhalb Jahre Zeit.

Das ist in etwa so lange wie es her ist, dass Philipp Rösler das Jahr der Pflege 2011 versprochen hat. Auch wenn es dröge wird, das zu wiederholen – es verliert ja nichts von seiner Wahrheit: Die Politik ist in der Bringschuld, endlich vernünftige Lösungen für dieses doofe Problem Pflege anzubieten. Die Pflege legt sich nicht aus Spaß auf den Boden, sondern aus dem Unspaß heraus, dass es noch immer keinen bundesweiten Mindestrahmen für pflegerische Personalbesetzung gibt. Offensichtlich hat auch immer noch niemand in der Bundesregierung und den Regierungsfraktionen verstanden, dass geschulte Rentner kein pflegerisches Fachpersonal sind (Alternativen aus der Opposition sind allerdings jetzt auch etwas rar gesät). Und zu unguter Letzt sind solche Vorschläge auch einfach ein Eingeständnis, dass niemand eine Ahnung hat, wie man dieser elementaren gesellschaftlichen Fragestellungen Herr werden soll. Das ist nämlich nicht nur das Problem einzelner Politiker, falls dieser Eindruck jetzt entstanden sein sollte. Die Gesellschaft als Ganzes muss beginnen, die Bedeutung fachlicher Pflege für ihre eigene Stabilität zu verstehen.

Leider gibt es da noch ein anderes Problem: So lange Pflegende nicht selbst für Plätze in den Parlamenten kandidieren, wird’s halt sehr anstrengend, Entscheidungsträger von den eigenen Anliegen zu überzeugen. Maschinenschlosser zum Beispiel. Also rein in die Parlamente – und zwar auf die Mandatssitze, nicht auf den Boden.

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4 Kommentare zu “„Da hast Du zehn Pfennig, kauf Dir ein Eis!“ – (Un-)Lösungsvorschläge für den Pflegenotstand

  1. snoopylife
    März 6, 2014

    Die Idee ist auf jeden Fall bedenkenswert. Aber warum gibt es denn in viel zu vielen Häusern noch nicht einmal eine Mitarbeitervertretung, warum tun wir uns so schwer mit Kammern, mit Gewerkschaften, mit Streiks, warum wird immer wieder eingesprungen und bis zur endgültigen körperlichen wahlweise psychischen Erschöpfung gearbeitet? Ich glaube, dass sich „Vollblut“-Politiker und „Vollblut“-Pflegekraft grundsätzlich voneinander unterscheiden, und das verhindert, dass sich die Begabteren unter uns in Richtung Plenarsaal davonmachen…

  2. Marika Lázár
    März 6, 2014

    Ich halte es grundsätzlich für eine gute Idee, dass Pflegekräfte in die Politik gehen. Aber…man brauch einen sehr langen Atem, man wartet nicht gerade auf uns.

  3. Reinhard Isak
    August 31, 2014

    Die bisherigen wenigen „Pflegefachkräfte“ die es in die Politik geschafft haben, kamen dort in einem sonderbar weichgespülten Zustand an und machten sich in aller Regel die herrschende (Partei) Linie zu eigen. Noch schlimmer – sie traten als Interessevertreter der „Pflege“ auf und stimmten doch allen Verschlechterungen der letzten 30 Jahre zu. Auf „solche“ Interessenvertreter/innen können wir nicht nur verzichten, sie sind kontraproduktiv. Bleiben wir lieber bei „Pflege am Boden“ mit der Chance, endlich nachhaltig aufzustehen.

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Dieser Eintrag wurde am März 6, 2014 von veröffentlicht.
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