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Wo kommen wir denn da hin?

Entschuldigung, ich habe einen Hochschulabschluss

Seit meinem letzten Beitrag habe ich viele Kommentare und Rückmeldungen erhalten. Einige davon waren tatsächlich positiv, aber noch bevor die ersten Leute den Artikel überhaupt gelesen hatten, ist eine Welle der Selbstverteidigung in Gang gekommen, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Offensichtlich ist es notwendig, noch mal sehr genau darauf zu schauen, was die Pflege davon hat, den Weg an und durch Hochschulen zu gehen. Auch wenn ich es schade finde, wenn man sich dafür rechtfertigen muss, was man ist.

Offensichtlich muss man zunächst mit einem großen Missverständnis aufräumen: „Akademisierung der Pflege“ bedeutet nicht, dass es in Zukunft nur noch Pflegefachpersonen mit Hochschulabschluss geben soll. Niemand fordert das. Niemand kann eine so unrealistische Vorstellung ernsthaft anstreben wollen. Auch wenn die Meinungen da etwas auseinander gehen, ist eine Quote von zehn bis maximal 20% von Bachelor-Pflegenden das Maximum.

Und damit ist auch nicht gemeint, dass in Zukunft das Abitur die Minimalvoraussetzung für die Pflegeausbildung ist. Mal wieder kann man dem ehemaligen Bundesgesundheitsminister, Daniel Bahr, nicht genug dafür undanken, dass er das so undifferenziert und sachlich nicht richtig dargestellt hat. Es gab 2012/13 das Bestreben innerhalb der Europäischen Union, die Mindestzugangsvoraussetzung für die Pflegeausbildung auf 12 Jahre Schulbildung anzuheben. Um das zu erreichen, gibt es mehr als nur den Weg übers Abitur. In 25 von 28 EU-Staaten ist das bereits so. Und wer sich an den Gesundheits- und Krankenpflegeschulen umsieht, wird feststellen, dass die Schulen diesen Anspruch auch ohne eine gesetzliche Vorgabe haben. Unter anderem auf Bestreben Deutschlands hin ist diese Änderung nicht in Kraft getreten.

Dass sich Pflegende ohne Abitur schon allein durch den Begriff „Akademisierung“ angegriffen fühlen, ist menschlich vielleicht nachvollziehbar. Niemand kann ernsthaft wollen, dass Berufsabschlüsse ohne Abitur in Zukunft weniger sein sollen, und das fordert auch niemand. Akademisierte Pflegende sind nicht besser, und dreijährig examiniertes Fachpersonal nicht schlechter. Wer dahinter eine Wertigkeit vermutet, fühlt sich vollkommen ohne Not angegriffen.

Nein, mit „Akademisierung der Pflege“ ist etwas ganz anderes gemeint. Im Wesentlichen gibt es hier zwei Wege. Die erste Zielgruppe besteht aus examiniertem Fachpersonal, das sich weiterqualifiziert, die zweite Gruppe aus Leuten, die ohne eine vorherige Ausbildung ein vierjähriges Studium absolvieren.

Was jetzt vielleicht den einen oder anderen überraschen mag, ist die Tatsache, dass beide Gruppen für die Arbeit mit Patienten und Bewohnern ausgebildet sind, und keineswegs für Bürojobs oder ähnliches. Leider sieht die Realität anders aus: Weil viele Einrichtungen gar keine Vorstellung haben, wie diese Leute einsetzbar wären, schieben sie sie aus der Praxis. Die Folge: Frust und Missverständnisse auf allen Seiten. Wenn Bachelor-Pflegende sich schon dafür rechtfertigen müssen, dass sie eigentlich vollkommen normale Pflegende mit einigen zusätzlichen Fertigkeiten sind, dann entschuldigen sie sich ungewollt dafür, dass sie überhaupt existieren.

In vielen Handlungsfeldern der Pflege macht der Grad der Qualifikation keinen oder kaum einen Unterschied. In manchen sind zusätzliche Qualifikationen wie das Einbinden neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, die Evaluation einer neuen Maßnahme oder das Erstellen von Handlungsstandards aber sehr wertvoll für ein Pflegeteam. Und damit auch für den Patienten. Leider erleben Bachelor-Absolventen häufig einen Sandwich-Frust: Vom Rest der Berufsgruppe werden sie mit Skepsis beobachtet oder sogar geschnitten, von Seiten der Leitung werden sie nicht entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt. Und es gibt wohl wenig Frustrierenderes im Berufsleben, als unterhalb seiner Fähigkeiten beschäftigt zu sein.

Wahrscheinlich würde es vielen Pflegenden gut tun, mal darüber nachzudenken, mit welchen Vorurteilen und Vorbehalten sie akademisiertem Fachpersonal begegnen. Nein halt, wie sie ihm begegnen würden, denn in der Berufswirklichkeit dürften die allerwenigsten überhaupt mal mit Bachelor-Pflegenden zusammen gearbeitet haben. Trotzdem, oder gerade weil kaum jemand überhaupt die Möglichkeit bekommt, diese Vorurteile aufzuheben, existiert ein regelrechtes Bollwerk gegen eine Qualifikationsform, die eigentlich eine Ressource für jedes Team ist.

Und es würde Pflegenden in Leitungsfunktionen gut zu Gesicht stehen, wenn sie einen Beitrag dazu leisten, dass diese Vorurteile abgebaut werden. Zum Beispiel, indem sie Bachelor-Pflegende in die Pflege lassen und nur dann in Verwaltungsaufgaben stecken, wenn diese sich das auch vorstellen können.

Ich bereue meinen Werdegang nicht. Aber ich ärgere mich darüber, dass ich noch keine einzige Stellenanzeige gefunden habe, die meine Kompetenzen in die Pflegepraxis einbinden würde. Und ich werde deswegen nicht anfangen, mich erst mal zu rechtfertigen, dass ich keine zwei linken Hände habe.

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2 Kommentare zu “Entschuldigung, ich habe einen Hochschulabschluss

  1. Bei der Verbesserung der Rahmenbedingungen in der Pflege sind auch Menschen mit Hochschulabschluss willkommen.
    https://www.openpetition.de/petition/online/herr-gesundheitsminister-stellen-sie-mehr-personal-und-bessere-bezahlung-ein

  2. Nochmals in Ultra-Kurzform: Etwa zehn Prozent der künftigen PP müssen(!!) wissenschaftliches Arbeiten (zusätzlich zum Examen/Diplom UND zur Berufspraxis am Bett) erlernen – sonst wird a) aus der „evidenzbasierten Pflege“ NIX und b) aus den dringend erforderlichen „Advanced Nursing Practitioners – ANP“ als Hilfestellung für alle PP in Klinik und Praxis auch NIX.

    Bedenklich finde ich ein Pflege-Studium OHNE tausende Praxisstunden (wie im vorbildlichen vierjährigen sog. „Kombi-Studium Pflege“ mit Bachelorabschluss UND Examen/Diplom) – die OHNE ALLES-Absolvent/innen laufen Gefahr wie „die Blinden von der Farbe“ zu sprechen und daher – verständlich und nachvollziehbar -von den praxiserprobten PP nicht Ernst genommen, nicht akzeptiert zu werden…

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Dieser Eintrag wurde am März 29, 2014 von veröffentlicht.
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