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Wo kommen wir denn da hin?

Petzen als Chance: Wie die AOK Pflegeschüler als Spitzel einsetzen will

Es kam mir ja gleich ein bisschen komisch vor: Zu Beginn des Jahres waberte eine Welle von Fehlern in der Pflege durch die Medienlandschaft – allem voran in der Bild-Zeitung. Da dachte ich mir noch nichts Böses, sondern war eher verwundert, dass der Ton gegenüber Pflegeeinrichtungen statt skandalorientiert auf einmal geradezu empathisch war: Nicht so schlimm, kann ja mal passieren, und natürlich, die Rahmenbedingungen sind schuld.

Schnell wurde öffentlich, was ohnehin nicht zu leugnen war: Hinter dieser Kampagne steckt der Bundesverband der AOK. Dass die Zusammenhänge zwischen Pflegefehlern und der Leistungsverweigerung durch gesetzliche Krankenkassen durchaus größer sind, als man gemeinhin annehmen sollte, hat der Rektor der Diakonie Neudettelsau, Prof. Hermann Schoenauer, im eben verlinkten Artikel ganz wunderbar auf den Punkt gebracht.

Diese Strategie ist schon per se eine Unverschämtheit. Ohne Zweifel geschehen Fehler in der Pflege auch durch Unachtsamkeit, eine falsche Einschätzung der Situation oder fachlich falsches Handeln. Aber wie viele Druckgeschwüre und Kontrakturen hätten verhindert werden können, wenn Leistungen der Krankenkassen nicht erst mal verweigert werden? Das Motto: „Wir zahlen nix – verklagen Sie uns doch, wenn Ihre Bewohnerin noch so lange lebt“. Die Antwort auf diese Frage wird es wohl hoffentlich nie geben – wir können schließlich schlecht eine verblindete Studie anstellen, in der der Hälfte aller Probanden mal eben keine Lagerung mehr bekommt. Und die Probanden nicht wissen, ob sie jetzt eine pflegerische Maßnahme bekommen oder nicht.

Doch damit nicht genug: Die Kampagne findet nun ihre Fortsetzung. Im Zuge des Pauschalmitleids veröffentlichte der AOK-Bundesverband eine Broschüre, in denen Fehler als Chance gesehen werden sollen. Der Tenor: „Lassen Sie uns doch über Fehler reden – und zwar mit uns“. Zwischen einer Menge harmloser bis dramatischer Situationsverläufe, die nicht einmal immer beeinflussbar sind (Ein Physiotherapeut erkennt einen Tumor nicht, bei einer Gipsentfernung wird Haut verletzt, ein Pflegender schätzt die Wirkung eines Medikaments nicht richtig ein) geht es dann auf einmal um das Melden von Fehlern.

Und da wird’s dann spannend: Davon, Fehler innerhalb der Einrichtung zu melden, ist in diesem Artikel nicht die Rede. Stattdessen wird in den Raum gestellt, was es nicht alles für Gründe gibt, weshalb man vor der Meldung von Fehlern zurückschreckt: Repressionen der Einrichtung, natürlich. Angst vor Kollegenschelte. Und am Ende der Broschüre stehen dann: zentrale Meldesysteme in Hülle und Fülle. Und natürlich die AOK selbst. Endlich bekommt die Broschüre den Bogen: das Verpetzen der eigenen Einrichtung gibt uns die Gelegenheit, allem Ärger aus dem Weg zu gehen, den wir sonst womöglich über uns ergehen lassen müssten.

Dazwischen kommt noch „irgendwas mit Kindern“, das zwar wenig mit Fehlern zu tun hat, aber Kinderaugen sind halt immer drollig. Und was fehlt, ist auch nur der geringste Bezug zu einrichtungsinternem Fehlermanagement. Kein Verweis darauf, Fehler zu entpersonalisieren und zur Aufgabe eines Teams zu machen, kein Verweis auf das QM-System der Einrichtungen. Nein, am besten ist den Patienten und Bewohnern sicher geholfen, wenn anonym angeprangert werden kann.

Aber das tollste kommt noch: Mittlerweile ist diese Broschüre kostenlos an etlichen Pflegeschulen gelandet, wo sie großzügig als Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt wird. Bevor Auszubildende im Unterricht überhaupt mit Fehlermanagement in Berührung kommen, so ist wohl die Hoffnung, lassen sie sich sicher ganz prima als Spitzel einbinden. Die sind schließlich am häufigsten damit konfrontiert, dass sie Dinge in der Schule anders lernen als sie in der Praxis gehandhabt werden. Da können sich Praxisanleitungen noch so viel Mühe geben: Bevor ich mich mit neuem Wissen mühsam gegen altes durchsetze, mache ich es mir lieber einfach und melde mal ein paar Fehler, die mir aufgefallen sind.

Auszubildende in der Pflege sind häufig ziemlich arm dran. Sie werden in der Regel vom ersten Moment ihrer Ausbildung viel zu sehr in die Verantwortung genommen. Auch deshalb, weil Vertreter der Kassen den Personalschlüssel so gering wie möglich halten. Innerhalb ihres Teams müssen sie Generationenkonflikte aushalten, weil sie mit ihrem aktuellen Wissen als Bedrohung wahrgenommen werden. Und sie müssen vom Beginn ihrer Ausbildung an lernen, dass es einen krassen Widerspruch gibt zwischen dem, wie Pflege statt finden sollte und wie sie statt finden kann. Aber gerade deshalb haben es Auszubildende erst recht verdient, dass man ihre Strategien zur Konfliktlösung stärkt und sie nicht gegen die eigene Einrichtung aufbringt.

Ich frage mich ernsthaft, wer eigentlich Krankenkassen kontrolliert. Gibt es eine zentrale Anlaufstelle für Pflegeeinrichtungen und Angehörige, denen Leistungen verweigert worden sind? Reden wir doch lieber darüber – schließlich soll man über Fehler reden…

 

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2 Kommentare zu “Petzen als Chance: Wie die AOK Pflegeschüler als Spitzel einsetzen will

  1. Morena60
    März 31, 2014

    Ich kann sehr gut verstehen, was Sie geschrieben haben…ich glaube, dass diese Stelle gibt, aber keine wird darüber gesprochen…

  2. Efthalan
    April 1, 2014

    Die zuständige Aufsichtsbehörde für die gesetzlichen Krankenkassen ist das Bundesversicherungsamt (BVA) oder die jeweilige Landesaufsicht (Sozialministerien der Länder). Dabei ist das Bundesversicherungsamt für die bundesunmittelbaren Krankenkassen mit einem Tätigkeitsgebiet in mehr als drei Bundesländern zuständig, während die Landesaufsicht für Krankenkassen mit einem Tätigkeitsgebiet in bis zu drei Bundesländern zuständig ist. Unter die Zuständigkeit der Sozialministerien der Länder fallen die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK).

    Bundesversicherungsamt
    Friedrich-Ebert-Allee 38
    53113 Bonn

    Telefon: (0228) 619 – 0
    Fax: (0228) 619 – 1870

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Dieser Eintrag wurde am März 31, 2014 von veröffentlicht.
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