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Wo kommen wir denn da hin?

Müssen wir uns erst streiten, damit wir unsere Arbeit machen dürfen?

Ein ungutes Gefühl hat sie in mir hinterlassen, diese „hart aber fair“-Sendung am Montag abend. Über die Inhalte hat wahrscheinlich niemand so treffend geschrieben wie der DBfK Nordwest in seinem Blog „good care“. Und damit könnte es ja eigentlich gut sein. Aber schleichend rücken einem da noch ein paar andere Dinge ins Bewusstsein.

Ich frage mich ernsthaft, welche Erwartungshaltung diese Sendung in der Breite der Gesellschaft auslöst. Kaum ist in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, dass die Pflege nicht nur ein Problem hat, sondern das Problem selbst ist, da ist auch schon alles wieder gut, alle haben sich lieb, und das ist weder hart noch fair. Es ist aber auch weit entfernt davon, die Wahrheit abzubilden, und ich frage mich, ob das, was da so scheinbar rosig gezeichnet war, jetzt als durchschnittlich zu erwartender Zustand wahrgenommen wird.

Erfreulich, dass es noch Pflegende gibt, die ihren Beruf mit Freude und Leidenschaft ausüben. Ich glaube, mehr als eine Million würden das auch gerne tun. Das „Alles-nicht-so-schlimm“ der Kollegin aus dem Publikum war ja selbst Frank Plasberg zu viel. Es dürfte schwer fallen, die allgemeintypische Pflegefachperson zu finden, die die Berufsgruppe in einer politischen Talkshow vertreten könnte. Aber sicher ist alles besser als die Darstellung der Berufsrealität, wie sie am Montag statt gefunden hat. Denken Angehörige jetzt, dass wieder alles in Ordnung ist? Welche Erwartungshaltung wird dadurch geschürt? Da ist sie wieder, die Engelsgleichheit, alles zu erdulden, und als Belohnung reicht das Grab der unbekannten Pflegefachperson.

Und wo wir bei Angehörigen sind: Mit welcher Erwartungshaltung sehen die sich jetzt eigentlich konfrontiert? Da wird so viel über die Familie als Pflegedienst Nummer eins in Deutschland gesprochen, dass sich niemand mehr traut, zu sagen, dass das nur in den allerseltensten Fällen wirklich eine gewünschte Situation ist. Bei allem Respekt vor der Leistung pflegender Angehöriger: Hören wir doch bitte auf, uns selbst in die Tasche zu lügen und zu glauben, Angehörige könnten fachlich fundierte Pflege leisten! Das ist keine Frage des Geldes, sondern eine Frage von emotionaler Nähe und Distanz, unter der Angehörige vor lauter Schuldgefühlen zerbrechen.

Das, was Pflegende als Pflege verstehen, geht weit über „da sein“ raus, schließt Prophylaxen und Vorsorge genauso ein wie Gesundheitsförderung, Akutversorgung und Bewältigung emotionaler Grenzsituationen. Es hat schon seinen Grund, dass dafür drei Jahre Ausbildung notwendig sind, und auch danach sind die Patienten und Bewohner, mit denen wir täglich umgehen, für uns nicht die eigenen Eltern, die sich ganz fürchterlich verändert haben, und das ist alles ganz schlimm, sondern Menschen, auf deren emotionale und körperliche Veränderungen wir fachliche Antworten haben.

Aber noch etwas anderes an diesen 75 Minuten hat mir Angst gemacht: Dieser unglaubliche, und auch unglaubwürdige, Eindruck, dass sich alle einig sind. Natürlich zeigt das die Überfälligkeit von zentralen Veränderungen im deutschen Pflegesystem. Aber darüber hinaus ist diese Kuscheligkeit, nichts anders zu sehen, nie anderer Meinung zu sein, auch Sinnbild dafür, dass die Fähigkeit zum Diskurs dann doch weitgehend abhanden gekommen zu sein scheint in einer Republik, in der die Bundeskanzlerin Merkel bei ihrer dritten Wiederwahl sagte „So schlecht geht’s uns doch nicht“. Wer will da schon die Bähmulle sein, die in die Suppe spuckt und sich zu sagen traut, dass aber auch nicht alles gut ist? Der Mut zu ernsthafter Opposition, er scheint abhanden gekommen zu sein, und das trifft trotz aller Bewegung, die in den vergangenen Monaten durch die Pflege gegangen ist, insbesondere auf diese Berufsgruppe zu. Wer will angesichts so großer Einigkeit schon ansprechen, dass der Personal-Patienten-Schlüssel in Deutschland europaweites Schlusslicht ist? Welche Altenpflegerin, welcher Gesundheits- und Krankenpfleger hat da schon den Mut, zu sagen, dass er seine Arbeit nicht vernünftig erledigen kann? Da lässt man sich lieber so lange auf die Schulter klopfen, bis man ohne das Schulterklopfen nicht mehr leben kann.

Wenn selbst Frank Plasberg zum Einstieg seiner Sendung schon erstaunt feststellt, dass es auf teure Reformen keine Gegenwehr gibt, dann hätte ich gerne eine Pflegereform, gegen die protestiert wird. Und bis zu diesem Aufschrei bitte nicht vergessen: Pflege ist ein Beruf, keine Berufung. Weder für Angehörige noch für Prophylaxenexperten. Geld hilft da wenig und ist kein Trost für zwei ganz wesentliche Dinge, die Pflegende 2014 unzufrieden machen: Das Gefühl, allein auf weiter Flur Versäumnisse der Vergangenheit auszubaden und eine Berufsrealität zu erleben, die wenig mit dem zu tun hat, was in der Ausbildung unterrichtet wird. Wir wollen doch nur unsere Arbeit machen…

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2 Kommentare zu “Müssen wir uns erst streiten, damit wir unsere Arbeit machen dürfen?

  1. Sandra Leurs
    April 17, 2014

    Ich wäre so eine Fachkraft gewesen, stattlich exam. Altenpflegerin von 2000- 2010, davor Stationshilfe in einem Altenheim, ohne Pflegeversicherung. Und mit Pflegepolitk beschäftigt bei der Piratenpartei. Gearbeitet in der stationären sowie häuslichen Pflege. Aber bin ja total unbekannt. 😉
    Ach ja, das mit der Ausbildung muss auch geändert werden. Mein Absturz war tief sehr tief, nach meiner Ausbildung in Kaiserswerth bei der Diakonie, damals eine Eliteschule was Pflege angeht.

    • snoopylife
      April 25, 2014

      Ich denke auch, wer ein bisschen sucht,. der findet. Pflegeboard de, facebook, usw., überall häufen sich die kritischen Stimmen, überall fände man, suchte man sie denn, diejenigen, die auch gewillt sind, im Fernsehen den Mund aufzumachen. Ich habe die Sendung nicht gesehen, weiß auch nicht, ob ichs mir antun werde, sofern man sie noch irgendwo findet. Problem, was im pflegenot-blog auch schon angesprochen wurde: wir selber sind gefragt. TV gut und schön, aber wie wäre es denn mal, wenn wir eine eigene Front eröffnen würden? Jeder an seinem Ort, in seinem Heim. Da zumindest sollte es doch möglich sein, sich querzustellen. Solange es aber Pflegekräfte gibt (ich lasse jetzt bewusst das „-fach-“ weg, aus unterschiedlichen Gründen), die als beste Qualifikation eines Pflegenden seine Schnelligkeit ansehen, solange ändert sich nix.

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Dieser Eintrag wurde am April 17, 2014 von veröffentlicht.
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