momentnotaufnahme

Wo kommen wir denn da hin?

Das Nicht-Fehlerteufelchen – wieso sich der GKV-Spitzenverband wieder setzen sollte

Man hätte es ja fast für einen Aprilscherz halten können – war aber keiner: Der so genannte Pflege-TÜV wird ausgesetzt, weil zum Schluss selbst für vollkommen Außenstehende die Noten selbst wie ein Aprilscherz vorkommen mussten. Ein bundesweiter Durchschnitt von 1,3, ein Heim mit der Gesamtbewertung von 1,0, das wegen massiven Zweifeln am fachlichen Mindeststandard geschlossen wurde  – niemand kann noch ernsthaft behaupten, dass die seit 2009 praktizierten Transparenzprüfungen in der Altenpflege jemals irgendetwas mit der Realität zu tun hatten.

Und niemand kann ernsthaft behaupten, die Bundesregierung wiederhole die Fehler der Vergangenheit: Wenn eines der größten Ärgernisse der jüngeren Pflegegeschichte ausgesetzt wird, dann werden auch Wahlversprechen umgesetzt. Das ist nicht nur vorgetäuschter Wille wie das großspurig ausgerufene Jahr der Pflege 2011. Es ein deutliches Signal, dass Berlin die Schwierigkeiten der Pflege erkannt hat, ernst nimmt und nach Lösungen sucht.

Allerdings scheinen nicht alle aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Erinnern wir uns: Die Kriterien für die Transparenzprüfungen sind in kürzester Zeit übers Knie gebrochen worden. Schon vor der Einführung wurde genau die Kritik laut, die sich leider allzu schnell bestätigt hat: Die Kriterien bilden nicht Ergebnis-, sondern Dokumentationsqualität ab, die Ergebnisse sind statistisch nicht haltbar, pflegerische Fachlichkeit wird nicht transparent. Der Forderung der Pflegeverbände, die Kriterien wissenschaftlich belastbar zu machen, Alternativformen zu einer Notenbewertung zu entwickeln und sich an bereits bestehenden Bewertungssystemen, die in anderen Ländern funktionieren, wurde nicht entsprochen, patzig wurde das mit der Haltung abgetan „Jetzt haben wir was, jetzt schauen wir mal, wie’s wird“. Eine allzumächtige Allianz aus Vertretern von GKV und Arbeitnehmern hatte damals reichlich fachfern, aber sicher sehr wichtig, ein Notensystem entwickelt, dem sich stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen dann mehr oder weniger angepasst haben, um bizarr gute Noten zu erhalten – Ergebnis siehe oben.

Umso unverständlicher ist jetzt die Forderung des GKV-Spitzenverbandes, die Neuentwicklung von Prüfkriterien, die bis Ende 2017 abgeschlossen sein soll, in Händen zu halten (https://www.station24.de/news/-/content/detail/11622931). Das ist schon ein gerüttelt Maß an Uneinsicht, gepaart mit einem Selbstverständnis, das mit der Realität leidlich wenig zu tun hat: Gerade der Spitzenverband, der für sechs Jahre Farce zuständig ist, möchte jetzt noch stärker als 2009 in die Entwicklung von Kriterien eingebunden werden. Ich fühle mich an die Chuzpe von Christoph Daum  und Michel Friedman erinnert: wer Käse baut, braucht bloß zu lächeln, und dann ist alles vergessen. Obwohl – von Fehlern ist bisher eigentlich nicht die Rede, nein.

Aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, würde eben gerade bedeuten, Verbände und Vertreter der Pflegefachlichkeit stärker als 2009 mit einzubinden. Es bleibt letzten Endes dabei, dass der GKV-Spitzenverband die Kostenträger pflegerischer Leistung vertritt – und damit eben nicht neutral ist, wie der Vorsitzende Gernot Kiefer jetzt ernsthaft glauben machen will. Pflegerische Qualität muss sich an ihrer Fachlichkeit messen lassen – und im Bedarfsfall auch so finanziert werden. Finanzierbarkeit von Leistungen darf nicht das einzige Kriterium einer Neuentwicklung sein, es braucht ein notwendiges Gegengewicht, damit sich nicht ein großes Missverständnis fortsetzt – nämlich, dass pflegerische Leistungen in Kosten und Nutzen mit medizinischen Leistungen verwechselt werden.

Auch allgemein scheint Gernot Kiefer ein gespaltenes Verhältnis zu Realität zu haben: Dass die Pflegeversicherung „auch weiterhin staatsfern organisiert“ bleiben solle, entzieht sich meiner Nachvollziehbarkeit. Mein Gehaltszettel spricht da jeden Monat eine andere Sprache. Da wird schon ordentlich paktiert, das ist sicher auch der etwas hilflose Versuch, Arbeitgeberverbänden Honig ums Maul zu schmieren, damit alte Koalitionen fortgesetzt werden. Und da wird auch ordentlich aufs Tempo gedrückt – verständlich, denn wenn sich der GKV-Spitzenverband weiterhin beharrlich als „Selbstverwaltung“ bezeichnet, dann könnte man auf die Idee kommen, dass die pflegerische Selbstverwaltung ein wichtiges Gegengewicht werden könnte, die man ungern am Verhandlungstisch haben möchte. Es könnte eine gute Gelegenheit werden, Skeptikern einer Pflegekammer unter Beweis zu stellen, dass sie die Situation der Pflege zum Positiven verändern können. Kein Wunder also, dass die Verhältnisse da schnell abgesteckt werden sollen.

Ein bisschen riecht das Ganze nach der Selbstherrlichkeit der FIFA bei der WM-Vergabe nach Katar: Groß ist die Erkenntnis, dass Fehler untersucht werden müssen – noch größer nur der Wunsch, die Analyse selbst vorzunehmen. Wenn wir so unsere Pflegeplanungen evaluieren würden, dann wäre zurecht der Teufel los.

Advertisements

2 Kommentare zu “Das Nicht-Fehlerteufelchen – wieso sich der GKV-Spitzenverband wieder setzen sollte

  1. Heide Helga
    April 8, 2015

    Sind nicht im Grunde genommen das, was Sie beschreiben, klassische Aufgaben einer Pflegekammer?

  2. Heide Helga
    April 8, 2015

    Hat dies auf Heide Helga rebloggt und kommentierte:
    Klassische Aufgaben einer #Pflegekammer, oder?!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde am April 7, 2015 von veröffentlicht.
%d Bloggern gefällt das: