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Wo kommen wir denn da hin?

Keine Pflegefachperson ist auch eine Pflegefachperson – oder wie jetzt?

„Wir wollen eine neue Seele für die Pflegeversicherung“, betont der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, in einem heute veröffentlichten Video. Die Überschrift schließt sogar eine neue Seele für die Pflege mit ein – das sind schon großmundige Versprechen, die große Hoffnungen bei den Pflegenden wecken.

Ich bin mir sicher, sehr viele Pflegefachpersonen würden liebend gerne mehr Seele in die Pflege investieren können. Ob das, was die/der Einzelne dann darunter versteht, einem professionellen Berufsverständnis entspricht, sei mal dahingestellt – ganz sicher wünschen sich viele, egal ob noch mitten in der Ausbildung oder mit langjähriger Berufstätigkeit, viel Zeit für den Menschen. Und es ist sicher auch erstrebenswert, das über die gesetzliche Pflegeversicherung zu finanzieren. Neben steigenden fachlichen Ansprüchen in Risikoassessment, dem Einsatz technischer Geräte und einer zunehmenden Vermischung aus Langzeit- und Akutpflege durch sinkende Krankenhausverweildauer wird die Pflege immer auch ein Beruf bleiben, der von zwischenmenschlicher Begegnung geprägt ist. Liliane Juchli hat das einst umschrieben mit „Ich pflege als die, die ich bin“.

Ich unterrichte zur Zeit einen Altenpflegekurs im ersten Ausbildungsjahr. Ich komme mir dabei manchmal ziemlich komisch vor, Berufseinsteiger erst mal darauf einnorden zu müssen, dass Herz alleine für den Pflegerberuf nicht reicht – nur um ihnen dann ein halbes Jahr später das scheinbare Gegenteil zu erklären, nämlich dass man ohne aufrichtige Nähe mit Menschen mit einer dementiellen Erkrankung nicht umgehen kann. Umso erstaunter bin ich, wie meine Schüler jetzt schon in der Lage sind, neben allem fachlich-technischen auch ihre eigene Persönlichkeit in die Pflege mit einbringen – und damit das leisten, was man wahrscheinlich „Pflege mit Seele“ nennen kann. Und da macht es überraschend wenig Unterschied, ob die Schüler gerade volljährig sind oder die Ausbildung im zweiten Lebensabschnitt machen.

Ich sehe aber natürlich auch das Gegenteil: Schüler, die schon im ersten Ausbildungsjahr gerade so funktionieren, dass sie Personalnot und fehlende, eher zufällige Anleitung kompensieren können. Und selbst das kriegen sie richtig gut hin. Solchen Leuten würde eine neue Seele in der Pflege wahrscheinlich wirklich gut tun, dann könnten sie nämlich mal anfangen, einfach nur Schüler zu sein statt das schwächste Glied in der Personalhierarchie. Diesen Stress möchte ich nicht erleben – und ich kann ihnen noch nicht mal glaubhaft und sinnvoll sagen, wie sie damit umgehen können.

Und da sind wir bei dem Punkt, der mich stört an dem, was heute an Plänen laut geworden ist: Ich glaube, wir brauchen in Deutschland endlich eine scharfe und auch kompromisslose Debatte, was nur Fachpersonal tun darf, und was einfach jeder machen kann. Und wieviel Fachpersonal dafür notwendig ist. Und was überhaupt Fachpersonal in der Pflege ist. Und zwar in aller Öffentlichkeit und nicht im Dienstzimmer. Es ist aus meiner Sicht eben nicht erleichtert zu beklatschen, dass aus den Mehreinnahmen der Pflegeversicherung 20.000 Betreuungsassistenten finanziert werden. Das ist kein Fachpersonal, dafür reichen sieben Wochen Ausbildung nicht. Das ist noch nicht mal Fachpersonal für Demenz, dafür reichen sieben Wochen Ausbildung auch nicht. Und es ist auch eine Milchmädchenrechnung, zu denken, dass drei Betreuungsassistenten eine Fachperson ersetzen könnten – irgendwann ist das Ende dessen erreicht, was Examinierte an Verantwortung aus der Hand geben können. Da stören mich manchmal die lobhudelnden facebook-Posts a la „Ohne Helfer wären wir gar nix“. Risikoeinschätzung setzt einfach Wissen voraus, und das muss man auch selbstbewusst verteidigen, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben, dass man damit anderen auf die Füße tritt. Wenn ich mich Fußball-Profi nennen würde, nur weil ich ab und zu mal ins Stadion gehe, würde das wahrscheinlich auch kein Fußball-Profi ernst nehmen. Wenn Leute das Essen anreichen, ohne Aspirationsgefahr und deren Folgen zu kennen, scheint das nicht so zu sein. Aber Menschen nach einem Schlaganfall stehen auch nicht so in der Öffentlichkeit wie die Abwehr vom Hamburger SV, da fallen vermeidbare Fehler einfach weniger auf.

Wenn die mutigen und dringend nötigen Reformen der Bundesregierung nicht an der praktischen Pflege vorbeigehen sollen, dann muss vor allem eines her: Ein bundesweiter Mindestschlüssel für Fachpersonal, für den die steigenden Mittel aus der Pflegeversicherung eingesetzt werden. Herr Laumann hat das ja richtig erkannt: Es hat sich niemand über die Erhöhung des Pflegeversicherungssatzes beschwert.

Mentale Notiz für Mittwoch: Meinen Kurs einfach mal dafür loben, dass sie sich drei Jahre antun.

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3 Kommentare zu “Keine Pflegefachperson ist auch eine Pflegefachperson – oder wie jetzt?

  1. guyhofmann
    April 13, 2015

    Das Pflegen mit der ganzen Person ist dann auch der Unterschied zum Handwerker. Man selbst, von Kopf über Herz bis in die Hand(-lung) ist selber „Werkzeug“.
    Schöne Vergleiche mit dem Fussball. Das sollte doch nun jeder verstehen können im Bezug auf die Betreuungskräfte.

  2. Marion Hildebrandt
    April 14, 2015

    Sie sprechen mir aus der Seele 🙂

  3. Sabine Rottländer
    April 14, 2015

    leider verstehen dies weder die Pflegehelfer, die sich u.a. auf facebook jeden Tag den „Kopf streicheln“ lassen, um den Pflegefachkräften zu beweisen das man ohne aufgeschmissen wäre, noch die Betreuungskräfte die doch einfach nur Gutes tun wollen. Die professionelle Pflege wurde Anfang 2015 nicht gestärkt, sondern massiv geschwächt – wozu noch gerontopsychiatrische Pflegefachkräfte ausbilden, wenn dazu eine 3Monatsqualifizierung und ein Herz irgendwo am rechten Fleck ausreicht? Hinzu kommt die Tatsache, dass eine Betreuungskraft/ ein Alltagsbegleiter den Anspruch auf den Pflegemindestlohn hat, den gleichfalls auch eine Pflegehelferin im 3Schicht System verdient.

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Dieser Eintrag wurde am April 13, 2015 von veröffentlicht.
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