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Wo kommen wir denn da hin?

Pippi Langstrumpf ist Schuld an der Pflegekammer!

Etwas mehr Sachlichkeit würde der Debatte um die Verkammerung der Pflege im Moment vielleicht ganz gut tun. Was in den letzten Tagen so verlautet ist, geht nämlich gleich in mehrere Richtungen ziemlich weit weg davon. Drei Dinge stören den Blick aufs Wesentliche gerade ganz enorm: Unsachliche Panikmache, ein falsches Verständnis davon, was überhaupt Aufgabe von Pflegekammern ist, und nicht zuletzt die falsche Grundannahme, Pflegekammern seien grundsätzlich noch aufzuhalten.

Fakt ist: In Rheinland-Pfalz existiert bereits ein Gründungsausschuss, auch Niedersachsen und Schleswig-Holstein werden eine Pflegekammer bekommen. Jetzt immer noch mit voller Breitseite den zeternden Aktionismus rauszukehren, dass Pflegende keine Pflegekammer wollten, dient vielleicht als Vorlage für Karikaturen, aber nicht zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit der Grundfrage – die ist geklärt.

Entzündet hat sich die Debatte jetzt erneut, nachdem die Befragung der Berliner Pflegenden veröffentlicht wurde. Vielleicht liegt es an der Zugkraft Berlins als Bundeshauptstadt, dass da eine Wahrheitsleugnung statt findet, über die selbst Galieo Galilei nur staunen könnte – als Bundesland ist Berlin jedenfalls nicht das erste, in dem eine Befragung statt findet und positiv für eine Verkammerung ausgeht.. Es gehört schon viel Sturheit dazu, so steif und fest zu behaupten, dass die Pflegekammer weder in Berlin noch in anderen Bundesländern der Wunsch der Pflegenden sei.

Die Zahlen dafür sind an Transparenz kaum zu überbieten, die Dreistigkeit, die hinter den Reaktionen steckt, allerdings auch nicht. Wenn quer durch die pflegerischen Disziplinen die Antwort „Ja“ die Antwort „Nein“ so dramatisch überwiegt, dann muss man schon Tomaten auf den Augen haben, wenn man die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Es wäre ein Zeichen von Größe, einzugestehen, dass der Wille der Pflegenden eben mehrheitlich so ist, wie er ist, statt darauf hinzuweisen „dass keine mehrheitliche Zustimmung dafür vorhanden ist.“. Das ist nicht interpretierbar, das ist nicht dehnbar, das ist einfach lächerlich. Pflegende in Berlin wollen mehrheitlich eine Pflegekammer, und damit basta. Sie wollten das auch in anderen Bundesländern, und sie haben das auch bekommen. Wer sich so albern und kindisch verhält, der verdient kein Gehör, und er schadet auch und vor allem denen, die ihre Zweifel an dem Nutzen einer Verkammerung mit Argumenten statt mit Getöse fundieren.

Das mit den Argumenten ist zur Zeit allerdings auch so eine Sache: Da diffundiert gerade die Vorstellung davon, was eigentlich Aufgabe einer Pflegekammer ist, etwas. Von „Lobbyorganisation“ ist hier die Rede, und auch das mit der Tarifhoheit wird nicht wahrer, wenn diese Befürchtung von Gewerkschaften immer wieder ins Feld geführt wird. Das mit dem Klimawandel übrigens auch, wie Burkhardt Zieger vom DBfK Nordwest das sehr schön beschrieben hat.

Dabei will ich gar nicht, dass alle Pflegenden in Blocktreue treudoof wie die Schafe Pflegekammern haben wollen. Ich schätze es, dass sich Leute kritisch damit auseinander setzen, davor warnen, dass sie die eierlegende Wollmilchsau oder der regenbogenfarbene Katzeneinhorn-Schmetterling sind, und auch nach der Einrichtung, wo sie denn beschlossen ist, kritisch bleiben. Aber solange Desinformation und Irrglaube die Debatte prägen, wird es schwer, sich sachlich damit auseinanderzusetzen.

Dass es solchen Irrglauben immer noch gibt, liegt wahrscheinlich einfach an einem Mangel an Informationen. Den kann man ja glücklicherweise beheben. Für die aus der Luft gegriffene Behauptung, die Pflegekammer würde jedes Mitglied mindestens 10 Euro im Monat kosten, gibt es allerdings keinerlei Grundlage. Eine solche Behauptung ist unseriös, niemand kann im Moment glaubhaft berechnen, wie viel Personal und Infrastruktur die Pflegekammern kosten werden. Daran dann eine Ablehnung der Pflegenden festzumachen, macht diese Annahme leider nicht seriöser. Ich bin mir sicher, dass 80 Millionen Deutsche ein Auto wollen. 400.000 Euro will dafür auch keiner zahlen. Volkswagen hindert das nicht an seiner Existenz.

Ein bisschen erinnert das an Pippi Langstrumpf: Zwei mal drei macht vier, und drei macht Neune – Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Und die Geschichte mit dem Zwang ist ja nun auch so eine Sache. Mit der selben Argumentation könnten wir auch gleich die ganze Krankenversicherung aushebeln. Das ist auch Zwang, und wenn ich manipulativ genug frage, gibt es sicher genug Leute, die dafür wären, die Krankenversicherung abzusch… nein halt, die Lohnnebenkosten zu Gunsten des Nettoeinkommens zu senken. An der Frage „Sind Sie persönlich für dir Errichtung einer Pflegekammer in Berlin?“ ist dagegen reichlich wenig Manipulatives zu finden. Da hilft es auch nichts, wenn man die Befragung als unprofessionell und wenig repräsentativ findet.

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Dieser Eintrag wurde am April 19, 2015 von veröffentlicht.
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