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Wo kommen wir denn da hin?

Arme Neonazis – als professionell Pflegender habe ich Mitleid mich Euch

Pflegende setzen sich für Menschen ein, denen es vielleicht nicht ganz so gut geht. Das war im 14. und 15.Jahrhundert so, als sich die Berufsgruppe „Pflegende“ noch aus den Siechenhäusern selbst rekrutiert hat. Das war im 17. und 18. Jahrhundert so, als Prostituierte die Behandlungskosten für ihre Geschlechtskrankheiten abgearbeitet haben, indem sie in den Krankenhäusern gearbeitet haben, in denen sie behandelt wurden. Ah, die ersten schalten ab, das ist gut so, ab jetzt sprechen wir ohne Wirklichkeitsvereinfacher, nicht unter Volksverrätern, Lügenpressen oder sonstigen Paranoia-geborenen Gespinsten.

Ja, echt, auch solche Täler musste die Pflege durchschreiten. Sie ist aber darüber hinweg, auf einem guten Weg zu einer eigenverantwortlichen Berufsausübung, frei von Diensterfüllung und im Auftrag ihrer selbst. Heute steht mehr denn je im Vordergrund, dass Pflege eine gesellschaftliche Aufgabe hat.

Ich könnte mir das jetzt aus der Nase ziehen. Das wäre dann Gutmenschentum gegenüber Menschen, die ehrlich und wirklich frustriert vom Leben sind. Ihr habt nie wirklich eine feste Arbeitsstelle gehabt, Hartz IV hält Euch davon ab, über Wohnen und Essen hinaus an der Gesellschaft teilzuhaben, und ich kann wirklich und unter aller pflegerischen Empathie verstehen, dass es Euch ankotzt, dass in Euren sterbenden Städten jetzt Flüchtlinge, Hilfebedürftige, andere Menschen, denen es auf andere Art und Weise so schlecht wie Euch geht, ankommen. Und wahrscheinlich sogar der eine oder andere, der es sich so einfach wie möglich zu machen versucht. Ja, das alles kann ich, mit pflegerischer, persönlicher, mit aller Empathie, die ich aufbringen kann, verstehen – Euch geht es nicht gut.

Aber ich ziehe mir meine eigene Haltung nicht einfach aus der Nase. Es ist nicht nur meine persönliche, sondern auch meine professionelle Haltung. Der ICN-Codex, die professionelle Grundlage aller Pflegenden weltweit, fordert das ein. In meinem Namen, und nicht ohne mich:

„Die Pflegende teilt mit der Gesellschaft die Verantwortung, Maßnahmen zugunsten der gesundheitlichen und sozialen Bedürfnisse der Bevölkerung, besonders der von benachteiligten Gruppen, zu veranlassen und zu unterstützen. Die Pflegende setzt sich für Gleichheit und soziale Gerechtigkeit bei der Verteilung von Ressourcen, beim Zugang zur Gesundheitsversorgung und zu anderen sozialen und ökonomischen Dienstleistungen ein.“

Da steht jetzt nicht drin, dass es benachteiligten Gruppen besser gehen soll als anderen benachteiligten Gruppen. Und da steht – hurra, III.Weg, Heidenauer Plebs, Nauener Zündeler und alle anderen Volksparanoiden, hört zu – auch gar nicht drin, dass die Benachteiligten immer die anderen sind. Ich will gar nicht, dass es Flüchtlingen ausdrücklich besser geht als jemandem, der seit 20 Jahren von seiner Wirklichkeit benachteiligt wird.

Aber das schließt halt leider auch mit ein, dass man sich nicht dazu aufhetzen lässt, zukünftige Flüchtlingsheime abzufackeln, Mollis gegen Polizisten zu werfen, nur weil es einigen wenigen nicht zupass kommt, (wie hier bei 0:23), dass selbst Kriegsflüchtlinge grundlegende Grundrechte in Anspruch nehmen, und das schließt vor allem nicht mit ein, dass Terror gegen die Demokratie als Grundprinzip Eures Staates (genau das ist nämlich zündeln: Terror) zum Prinzip werden darf. Ihr seid nach wie vor ein Teil der Demokratie, ob ihr das wollt oder nicht: Im Moment zeigt ihr aber vor allem, dass Ihr Eure Wahlstimme verpöbelt und im wahrsten Sinne des Wortes verbrennt.

Als beruflich Pflegender fühle ich mich dazu verpflichtet, jetzt mal Klartext darüber zu sprechen, wie eine Berufsgruppe denkt, die jene pflegerisch versorgt hat, die Auschwitz wirklich zu Auschwitz gemacht haben: Auch solche Gesinnungsgenossen pflegt meine ganze Berufsgruppe bis heute, unter einem Höchstmaß an Anspruch in der individuellen Zuwendung gegenüber dem einzelnen Menschen. Das rechtfertigt nicht diskrimierende Ideen, das heißt nur, dass auch hinter diskriminierenden Ideen vielleicht ein Mensch steckt.

Den ICN-Codex hat @pflegewecker vor mir zitiert, in einem anderen Zusammenhang, aber nicht ohne Grund. Ich glaube, es wird Zeit, ihn zur Grundlage allen pflegerischen Handelns in Deutschland, gegenüber Flüchtlingen, in der ganzen Welt zu machen. Im Sinne der beruflichen Eigenverantwortung, im Sinne der Verantwortung gegenüber der gesamten Gesellschaft. Im Sinne der Pflege und aller Menschen. im Zweifelsfall die Kurzfassung: Streich die Pflege raus, Gebäude anzünden ist scheiße.

Vermutlich sind unter den „Volksverräter“-brüllenden Bürgerinnen auch Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und Altenpflegerinnen. Ein ganz ehrliches Wort unter Kolleg*Innen: Verpisst Euch, kriegt Kinder, zieht sie in Eurem Sinne groß, aber nicht im Sinne der Pflege. Ich fürchte, denen wird Bildung dann genau so fern bleiben wie denen, die heute zündeln. Euer „Hure! Volksverräterin! Verpiss Dich, Du Nutte!“ will ich aus Heidenau nicht gegenüber einer Volksvertreterin, nein, niemandem gegenüber entgegengebrüllt bekommen. Ich bin beruflich, professionell Pflegender und kann nicht akzeptieren, dass dieses Rumgemaule als „Wir sind das Volk“ gilt. So jemand ist nicht das Volk, so jemand ist nur an sich selbst interessiert und nicht an anderen. Leider ist das Grundvoraussetzung, um überhaupt in die Pflege zu können: Es gibt noch andere Menschen als mich auf der Welt.

Im Sinne des ICN-Codex, im Sinne aller Pflegender, die eine Meinung haben statt feige zu schweigen, im Sinne aller, die Diskriminierung, Bürgerkriegsleid und „Benutze Feuerzeug mit Molotow-Cocktail“ nicht begrüßen: Pflegende, helft nicht, indem ihr Hass bekämpft. Helft, indem ihr Eurem professionellen Anspruch gerecht werdet. Sollte auch nur eine meiner SchülerInnen deswegen beantragen, vom Unterricht freigestellt zu werden: An mir soll es nicht scheitern.

Und hier die Hashtags, derer heute mehr sein könnten, als hier stehen:

#refugeeswelcome #nazissindscheisse #nazisraus #heidenauistueberall #pack #nursesforrefugees

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Dieser Eintrag wurde am August 27, 2015 von veröffentlicht.
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