momentnotaufnahme

Wo kommen wir denn da hin?

20 Millionen pro Jahr? – Ein offener Brief an den Fußball

Liebe Fußballfans, Ihr Kurvensteher und Haupttribünensitzer,

liebe Sponsoren des Fußballsports,

liebe Sportdirektoren im Profifußball,

ich finde, wir müssen reden. In einem Dialog, der alle Vereine und deren Fans umfasst, alle mittelbar und unmittelbar am Fußball beteiligten und der zum Ziel haben muss, dass der Fußball nicht in einer wahnsinnigen Spekulationsblase endet, die mittlerweile wahrscheinlich nur noch mit der Tulpenzwiebeleuphorie im 17.Jahrhundert vergleichbar ist.

Ich meine damit jenes Wettbieten, dass heute wieder ein Ende gefunden hat – es ist jene wundervolle Zeit des Jahres, in denen es endlich wieder Lebkuchen in den Supermärkten gibt, Kinder mit leuchtenden Augen die Trikots mit dem Namen ihres Helden bedrucken und die Tage kürzer werden. Nein, ich meine nicht Weihnachten, sondern das Ende des Transferfensters im August.

Wir alle haben das bizarre Wettbieten um Kevin de Bruyne mitverfolgt, und man kann Klaus Allofs nur dazu gratulieren, dass er es mit Hartnäckigkeit, einem öffentlichen Abwägen und Herumtaktieren und viel Geduld geschafft hat, die bisherige Rekordtransfersumme von 41 Millionen (Roberto Firminho) auf fast das Doppelte zu beschleunigen – innerhalb der selben Transferperiode. Das ist eine schwindelerregende Summe, und im Gegensatz zu vielen anderen halte ich sie nicht mal für überhöht: Wäre de Bruyne nicht sofort durch Julian Draxler ersetzt worden, hätten dem VfL Wolfsburg durch schlechtere Aussichten in der Champions League und eine nur leicht schlechtere Abschlussplatzierung in der Bundesliga allein in dieser Saison mindestens 30 Millionen Euro an Prämien und TV-Geldern gefehlt. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, dass der Verlust eines Spielers mittlerweile mit 75 Millionen Euro beziffert wird: Darum soll es hier nicht in erster Linie gehen.

Aber was mich wirklich und ernsthaft erschreckt, sind die Gehaltszahlen: 20 Millionen Euro wird Kevin de Bruyne jetzt jährlich einstreichen, damit könnte er sich jedes Jahr ein Mal den SV Darmstadt 98 kaufen (wenn es nicht die 50+1-Regel nicht gäbe, natürlich).

Als Fußball-Fan finde ich das unverantwortlich. Und ich bin vor allem ein Fan des Fußballs, und gar nicht in erster Linie eines Vereins. Ein solches Jahresgehalt steht aber fernab von allem, was Fußball einer Gesellschaft und jedem einzelnen bedeuten kann oder könnte. Es ist eine Fantasiesumme, die wahrscheinlich vor allem deswegen so fasziniert, weil ihr realer Gegenwert unermesslich ist. Wo ist in unserer Vorstellung schon der Unterschied dazwischen, was man sich mit einer oder mit 20 Millionen kaufen kann? Pro Jahr?

Wir alle sollten uns dafür einsetzen, dass die UEFA eine Deckelung von Gehaltszahlungen durchsetzt, entweder durch ein Gehaltsbudget für jeden Verein oder über einen generellen Höchstbetrag, und Ablösesummen müssen im Wesentlichen nach festen Kriterien berechnet werden können, statt der Fantasie und Hartnäckigkeit cleverer Strategen zu entspringen. Das ist keine Überregelung eines freien Marktes – der frei Markt frisst sich gerade selbst auf. Man kann solche Ablösesummen noch so nachhaltig in die eigene Entwicklungsarbeit stecken, sich ein Stück weit unabhängiger von Sponsoren machen oder dadurch die Ticketpreise niedrig halten. Aber ich finde, solche Gehälter sind moralisch nicht zu rechtfertigen. Sie stehen in keinem Verhältnis mehr zu dem, was einzelne Spieler für diejenigen tun, durch die sich solche Gehälter finanzieren. Und wenn ich „wir sollten uns dafür einsetzen“ schreibe, dann meine ich die Fankurve genauso wie jeden, der sich nur zu den großen Turnieren abends vor den Fernseher setzt. Dann meine ich damit auch Sportdirektoren und Aufsichtsräte, die solche Summen erwirtschaften müssen. Es ist im Moment geradezu widersinnig, langfristige Sponsoring-Verträge abzuschließen: So schnell, wie sich die Nullen aneinanderreihen, kann kein Sponsoring-Vertrag verlängert werden. Financial Fair Play darf nicht nur unter Vereinen gelten – es muss auch dann greifen, wenn sich finanzielle Entwicklungen in eine Richtung drehen, die sich von der Gesellschaft entfernt. Und ich glaube, dieser Punkt ist jetzt erreicht.

Natürlich ist der deutsche Fußball noch weit von einem 20 Millionen-Gehalt entfernt. Aber wie schon erwähnt, ist irgendwann ohnehin der Punkt überschritten, an dem mehr Geld auch mehr Wert hat. Auch in Deutschland gibt es Millionen-Gehälter. Ich finde, jeder Fußballprofi mit einem siebenstelligen Jahreseinkommen sollte einen (relativ) kleinen Prozentsatz seines Gehaltes an gemeinnützige Einrichtungen stiften. Als eine Art Ehrencodex und als Bekenntnis dazu, dass man – auch über die Steuern hinaus – diese Wahnsinnssummen nicht einfach losgelöst von allem bekommt, sondern sich verdient, weil man sich einer besonderen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewusst ist.

Das klingt vielleicht sozialromantisch, naiv und neidisch. Aber vielleicht verdeutlicht ein kleines Rechenbeispiel, wie die Schere zwischen sozialer Verantwortung und gesellschaftlicher Notwendigkeit auf der einen und absurden Geldspiralen auf der anderen Seite immer weiter auseinander driftet. Eine Altenpflege-Fachkraft darf für die Versorgung beim Toilettengang 6 Minuten Zeit berechnen und damit 4,62 Euro abrechnen – für ihr Unternehmen, wohlgemerkt, und nicht in ihre eigene Tasche. Wenn Kevin de Bruyne jetzt 6 Minuten zur Toilette geht, verdient er 228,31 Euro – das ist ziemlich genau das fünfzigfache. Innerhalb einer Stunde streicht er das Monatsgehalt einer Altenpflegefachkraft ein – inklusive Schicht- und Wochenendzuschlag. Ja, beides brutto. Und innerhalb eines Tages verdient er mehr als das doppelte ihres Jahresgehaltes. Und natürlich liegt der Gedanke an Flüchtlingsunterkünfte in diesen Tagen noch deutlich näher.

Mario Gomez hat zu seinem Dasein als Fußballprofi vor einigen Jahren im ZDF-Sportstudio bemerkenswertes gesagt. Er hat sich dankbar und privilegiert genannt, dass er diesen Beruf ausüben darf. Dieses Privileg hat sicher auch Schattenseiten: Verletzungen als Gefahr für sportliche Erfolge und Gehaltsaussichten, Schmähgesänge aus tausenden von Kehlen, ein permanentes Dasein in der Öffentlichkeit, das teilweise weit bis ins Private hineinragt.

Aber wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir eine breite, eine wirklich umfassende und ehrliche Debatte darüber brauchen, was solche Privilegien wert sein können und welche Verpflichtung daraus bei all jenen entsteht, die zu den Privilegierten gehören. Ganz darf sich der Fußball nicht entfernen von denen, die sich eine Dauerkarte in der Kurve vom Mund absparen müssen.

Denn machen wir uns eines bitte gar nicht erst vor: Stetig steigende Gehälter, der Erhalt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und das Verpflichten hoffnungsvoller Spieler ist letzten Endes nicht durch Sponsoren alleine aufzufangen. Irgendwann wird es nicht ausbleiben können, dass verstärkt auf ein wohlhabendes Publikum gesetzt wird, das über steigende Ticket- und Trikotpreise nur murrt, statt ernsthaft davon bedroht zu sein.

Fußball hat seine Wurzeln, je nach Region stärker oder schwächer, in einem Arbeitermilieu. So hat er seine Helden rekrutiert, und ebenso sein Publikum. Mehr noch: Der Fußball lebt von Spielern, die es aus einfachen Verhältnissen bis ganz nach oben schaffen – heute und bei solchen Summen mehr denn je. Es ist dem deutschen Fußball immer zu Gute gekommen, allzu deutlichen Professionalisierungs- oder Kommerzialisierungstendenzen skeptisch gegenüber zu stehen. Ob das die Einführung des Vollprofitums war, oder die Ausgliederung des Profibereichs in die Trägergesellschaft Ligaverband bzw. DFL: Man war immer klug genug, aus den Fehlern anderer zu lernen. Es ist kein Zufall, dass Deutschland 2014 Weltmeister geworden ist und nicht England: Die allzu rapide Kommerzialisierung des englischen Profifußballs in den Neunziger Jahren hat einer gesunden Mischung aus Bodenständigkeit und stetigem Wachstum den Nährboden entzogen. Ich finde, jeder Fußballfan, jeder Verantwortungsträger und jedes Vereinsumfeld sollte ein Interesse daran haben, dass sich der Fußball ein Stück seiner Traditionen bewahren kann und zeigt, dass er für alle da und zu sozialer Verantwortung bereit ist.

https://momentnotaufnahme.wordpress.com/2015/08/31/20-millionen-pro-jahr-ein-offener-brief-an-den-fussball/

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Dieser Eintrag wurde am August 31, 2015 von veröffentlicht.
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