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Wo kommen wir denn da hin?

Die ich rief, die Geister – ein Plädoyer für mehr Planung in der Pflege. Und ein Plädoyer für mehr Respekt vor Examinierten

In einem dreiteiligen Artikel, der nicht laut genug zu begrüßen ist, hat sich Sabine Bartholomeyczik vor 13 Jahren unter anderem damit auseinandergesetzt, wie Pflege von außerhalb betrachtet wird. Pflege sei, der Betrachtung von Krankenhausökonomen folgend, demnach etwas anlass- und zielloses. Letzten Endes, so Bartholomeyczik, bleibe der Eindruck, Pflege sei ein Handwerk, das man mehr oder weniger geschickt ausüben könne.

Dem stellt Bartholomeyczik professionelle Kompetenzen der Pflege entgegen: Pflegerische Diagnostik etwa, eine professionelle Beziehungsarbeit und die Fähigkeit zur bewussten Delegation innerhalb eines Pflegeteams.

Ende 2015 scheint mir dieser Artikel so aktuell wie noch nie, und das ist nicht gut so. Denn die verschlankte Pflegedokumentation, die sogenannte Strukturierte Informationssammlung (SIS) ist in der Praxis angekommen – und wird stellenweise auf schockierende Art und Weise missverstanden. Das ist zum einen die Folge eines verkorksten Verständnisses von Pflegeplanung und Hierarchien in der Pflege. Zum anderen verschärfen die Fehler, die in Folge dieser Missverständnisse auftreten, diese Kluft noch. Die Folge sind tatsächliche und drohende Pflegefehler, eine abnehmende Professionalität der tatsächlich durchgeführten Pflege und ein beobachtbarer Trend zur Gleichmacherei unterschiedlicher Qualifikationsniveaus.

Ich behaupte das nicht einfach – als Pflegewissenschaftler, der in der Altenpflege unterrichtet, bekomme ich genau das gerade mit voller Wucht mit. Ich bekomme von meinen Schülern nicht nur im Unterricht Fragen gestellt, die genau in diese Richtung gehen, ich werde bei Praxisbesuchen auch vor die Ergebnisse dieser Änderungen gestellt. Und ich erlebe das Verhältnis von Schülern, also werdenden examinierten Pflegefachpersonen, und Pflegehelfern ohne Ausbildung: Es ist geprägt von Spannung, unterschwelligen Vorbehalten und einer regelrecht entschuldigenden Haltung – von Seiten der Schüler, wohlgemerkt. Die Hackordnung in der Pflege, an sich schon kein wünschenswerter Zustand, wird nicht durch Qualifikationsformen bestimmt, sondern durch Revierverhalten. (Es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, Lehrer würden alle Sensibilität und Praxisverständnis bei der Einschreibung an der Hochschule oder der Anmeldung für die Weiterbildung abgeben. Das. Stimmt. Nicht.)

Ich habe in dieser Woche zum ersten Mal eine Pflegeplanung gesehen, die – vorgeblich – nach den SIS-Handlungsanleitungen erstellt wurde. Es war keine Pflegeplanung, es war das Grauen. Die Informationssammlung fand sich nach viel Suchen an einer ganz anderen Stelle als die Planung der Maßnahmen. Ein Zusammenhang, also der nachvollziehbare Weg vom Problem zur Lösung, ist da schon räumlich nicht mehr nachvollziehbar. Und die beschriebenen, globalisierten Maßnahmen waren nicht mehr als eine Auflistung grundlegender, funktionaler Tätigkeiten, die platt in Früh- und Spätdienst unterteilt waren.

Das Ankreuzfeld „Von PFK auszuführen“ existierte nur auf dem Papier, selbst sensible Maßnahmen wie die Dauerkatheter-Versorgung wurden zum Breitensport gemacht. Und natürlich hat mich die Schülerin gefragt, weshalb wir das in der Schule so umständlich aufgebaut lernen. Und natürlich kann ich diese Frage verstehen.

Eine so entkernte Pflegeplanung ist aber einfach keine Pflegeplanung mehr. Selbst die Vereinfachungen, die SIS eigentlich bringen soll, werden jetzt ausgehöhlt, weil das Credo offensichtlich lautet „Die Doku soll ja verschlankt werden“. Was da aber tatsächlich passiert, ist die Entfachlichung einer Profession – eben der Rückschritt zur anlass- und ziellosen Pflege. Ein Verzicht auf direkt begründete Handlungen ist eine Absage an jeden professionellen Anspruch, und diesen Schuh müssen sich vor allem die examinierten Fachpersonen in der Pflege anziehen. Sie sind es nämlich, die eigentlich Zeter und Mordio rufen sollten, wenn sie ihr Handeln jetzt nicht mehr begründen müssen – oder wenn eine Verschlankung der Dokumentation zumindest so fehlinterpretiert wird.

Nun ist es schwer, einen direkten Zusammenhang hezustellen, aber ich halte es keineswegs für Zufall, dass genau diese Bewohnerin zwei Dekubiti hat. Von einer Behandlung des aktuellen Dekubitus stand nämlich genauso wenig in der Maßnahmenplanung wie von einer generellen Dekubitusprophylaxe. Ich quäle meine Schüler gewiss nicht umsonst oder aus Foltergelüsten von Anfang an mit der Nutzung einer Bradenskala, um zumindest einen ersten Anhaltspunkt für ein Risiko zu haben (und von deren Ergebnis ich in der Endbetrachtung natürlich auch wieder abweichen darf, wenn ich es begründen kann). Ohne ein grundsätzliches Risikobewusstsein bleibt das Ergreifen von Maßnahmen immer Zufall, ist nie ein Teamerfolg. Wo der direkte Zusammenhang zwischen den Risikofaktoren und der Idee, wie wir ihnen pflegefachlich begegnen wollen, zunehmend fehlt, ist es sicher nicht nur Zufall, wenn Schäden entstehen.

Hier kommt eben die Fachqualifikation, eine dreijährige Ausbildung, ins Spiel. Und auch die, nun mal leider bestehenden, Unterschiede zur einjährigen Ausbildung bzw. den ungelernten Pflegehelfern. Bei allem Respekt: Es sollte schon jedem nachvollziehbar sein, dass eine dreijährige Ausbildung zu anderen Aufgaben qualifiziert (und auch verpflichtet) als keine oder eine einjährige Ausbildung. Erfahrung alleine hilft auch nicht überall weiter, und sie ist kein Ersatz für ein strukturiertes und geplantes Herangehen an die Aufgabe Pflege.

Und dieses Problem lässt sich wahrscheinlich nirgendwo besser nachvollziehen als auf facebook: Laut ist das Gejammer, Examinierte wären ja gar nix ohne Pflegehelfer, die Wertschätzung sei so gering und manche seien echt hochnäsig. Das Gejammere und Gelästere im Dienstzimmer oder im Einlagenlager ist mittlerweile einem Gejammere auf facebook gewichen – das macht es aber nicht besser.

In einem guten Team sollte sich ohnehin niemand dafür rechtfertigen müssen, was er ist (oder nicht ist). Aber diese ziemlich subjektiven und befindlichkeitsfixierten Aussagen muss man dann einfach auch umdrehen dürfen. Und deswegen breche ich an dieser Stelle eine Lanze für examiniertes Pflegepersonal und ihre Kompetenzen und Vorbehaltsaufgaben: Ohne Examinierte wären Pflegehelfer auch nix, und es muss auch niemand ohne Examen nachvollziehen können, weshalb Examinierte einen Teil ihrer Arbeit schreibend im Dienstzimmer verbringen (müssen): hochnäsig sind sie deswegen noch lange nicht (auch wenn das auf einige Einzelne sicher trotzdem zutrifft). Ich finde, sie müssen sich auch nicht dafür rechtfertigen oder gar entschuldigen, was sie tun, und ich finde es umgekehrt auch ziemlich hochnäsig, die Arbeit anderer zu beurteilen, ohne sie im ganzen Umfang nachvollziehen zu können. Zur Wertschätzung sage ich lieber erst gar nichts, denn wertgeschätzt ist man nicht, wertgeschätzt fühlt man sich. Wo der eine nur ein anerkennendes Schulterklopfen braucht, braucht der andere halt vier Mal am Tag den Satz „Ohne Dich würde hier gar nichts laufen“. Wenn das dann ausbleibt, ist das noch lange keine mangelnde Wertschätzung.

Und diese verschlankte, total verkorkst umgesetzte Planung von Pflege ist ein Ergebnis dieser Haltung. In der Pflege herrscht ein vollkommen schiefes Verhältnis von Gleichheit und Gerechtigkeit. „Man muss es mit dem Herzen machen“, „Es kommt doch drauf an, wie man zum Menschen ist“, „Das kann man entweder, oder man kann’s nicht“… diese Grundhaltung läuft darauf hinaus, Qualifikationsformen gleichzumachen und damit die höchsten Qualifikationen – in aller Regel das Examen – damit abzuwerten, zu reduzieren auf „nett zum Menschen sein“ (so gehört 2010 in einer Einrichtung, in der ich neben dem Studium gearbeitet habe. Vom Geschäftsführer.)

Und die Examinierten beugen sich diesem Druck: Das Dienstzimmer wird nur mit schlechtem Gewissen betreten, Pflegeplanungen werden als erstes aufgeschoben und als letztes dann auch wirklich gemacht, man darf sich als Pflegefachperson für nichts zu schade sein, darf aber auch keine Vorbehaltsaufgaben haben. Ich nehme mich da übrigens nicht aus: In oben besagter Einrichtung habe ich mich rückblickend mehr als nur einmal dabei erwischt, wie ich überbordend fleißig über den Wohnbereich gerannt bin, Hans-Dampf-in-allen-Gassen gespielt habe und demonstrativ alles, aber auch wirklich alles, selbst mit angepackt habe. Dabei war ich mit zwei Wochenenden im Monat für drei Pflegeplanungen zuständig. Ein Verhalten, das ich als proaktive Selbstherabsetzung bezeichnen möchte. Statt den Mut zu haben, mich erst gar nicht dafür zu rechtfertigen, dass ich jetzt Aufgaben im Dienstzimmer erledigen muss, die nur ich erledigen darf, habe ich mich zum ungelernten Pflegehelfer mit Examenshintergrund gemacht.

Und wenn das Aktualisieren einer Pflegeplanung dann schließlich in die Nacht verschoben wird, weil man sich tagsüber nicht zu schade sein darf, das Andickmittel in ein Getränk zu rühren oder einer mobilen Bewohnerin zur Toilette zu helfen, dann heißt es beim Klingeln sicher nicht selten „Geh mal Du, Du verdienst ja mehr“. (An dieser Stelle danke an eine Praxisanleiterin für diesen Erfahrungsbericht dazu). Das selbe Verständnis gilt sicher auch bei einigen für jede prophylaktische Maßnahme – wie eben das Lagern, das im oben genannten Fall offensichtlich ausgeblieben ist, weil die Verantwortlichkeit für Lagerungen nicht mehr beim Fachpersonal liegt und nur über Umwege ersichtlich ist, dass sie überhaupt notwendig sein könnten.

Um den Bogen zu schließen: Eine Pflegeplanung muss trotz Verschlankung immer noch ersichtlich machen, was (von jedem!) getan werden muss, und auch, warum es getan werden muss. Das zu planen, ist aber ausschließlich Aufgabe von Fachpersonen – und so lange die überhaupt auf die Idee kommen, sich für ihre Verantwortung zu rechtfertigen, wird genau diese ganz zentrale Aufgabe, ohne die Pflege immer unprofessionell bleiben wird, ganz weit hinten angestellt. Und dass Pflegehelfer ohne diese Planung auch nix wären, wird damit hoffentlich ersichtlich.

Bei allen Bestrebungen um „Gerechtigkeit“ (die ja häufig nichts anderes heißt als „anderen soll es auch nicht besser gehen als mir“): Es gibt Unterschiede im Qualifikationsniveau, und damit geht nicht in erster Linie mehr Geld, sondern mehr Verantwortung, Verpflichtung und andere Aufgaben einher. Das entbindet natürlich nicht von einer Wertschätzung anderer – aber das gilt gegenseitig. Sich für eine höhere Qualifikationsform zu entschuldigen: Auf diese Idee kommen nur Fachkräfte, die ihren eigenen Beitrag nicht wertschätzen.

Wenn die bewusste, systematische und strukturierte Planung von Pflege so verknappt wird, und das ist vielleicht das größte Problem, dann wird sie nicht mehr für jeden nachvollziehbar. Eine Maßnahme muss dann nur noch ergriffen werden, weil man das halt so macht. Warum man das so macht, wird zunehmend nur Examinierten verständlich sein, der Zusammenhang wird aber nirgends mehr nachvollziehbar. Das kann Missverständnisse, Missgunst und letzten Endes auch Pflegefehler aber nur verschärfen, niemals verbessern. Insofern täten wir gut daran, bei der Pflegeplanung nicht einfach das Minimum zum Maximum zu machen. Immerhin wäre es wirklich hochnäsig, davon auszugehen, dass jeder jeden Sinn einer pflegerischen Maßnahme nachvollziehen kann.

P.S.: Meine Erfahrungen beziehen sich ausschließlich auf die Altenpflege. Aber der Kerngedanke dürfte in Krankenhäusern kaum anders sein.

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Ein Kommentar zu “Die ich rief, die Geister – ein Plädoyer für mehr Planung in der Pflege. Und ein Plädoyer für mehr Respekt vor Examinierten

  1. Heide Helga
    November 7, 2015

    Hat dies auf Heide Helga rebloggt und kommentierte:
    Mehr Respekt für #Pflegekräfte

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Dieser Eintrag wurde am November 6, 2015 von veröffentlicht.
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