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Wo kommen wir denn da hin?

Kein Fußbreit den Nazis – Lichtenhagen heißt heute Heidenau

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Leider ist es kein niedliches Gespenst, das Plakate von General Torsten Torstenson mit Gurkennasen verziert und ein paar Gemüsehändler erschreckt. Es trägt eine hässliche, graubraune Fratze und es erinnert mich auf ganz finstere Art und Weise an Ortsnamen aus meiner Jugend, die ich bis dahin allenfalls mit Zweitliga-Fußball verbunden hatte: Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, Lübeck.

Das Fiese an diesem Gespensterterror ist, dass er subtiler statt findet als in den frühen Neunzigern, dass er gesellschaftlich stärker verankert ist und dass ihm bisher noch die Macht des Schreckens fehlt, die wir aus den frühen Neunzigern kennen.

Bis zu meinem 19.Lebensjahr habe ich keinen anderen Bundeskanzler als Helmut Kohl bewusst erlebt. Ich kannte daher lange Zeit keinen anderen Politikstil als den der Kompromisslosigkeit. Heute kann ich ihm immerhin zu Gute halten, dass er mit dieser Deutlichkeit auch in unbequemen Fragen eine ebenso klare Gegenposition provoziert hat. Das hat dazu geführt, dass der damalige Terror der Rechtsradikalen genauso plötzlich entstanden ist, wie er auch wieder verschwunden ist. Er hat sich quasi selbst bekämpft, weil sich selbst diejenigen, die innerlich strikt gegen eine Lockerung der Asylpolitik waren, angewidert abgewendet haben von Terroranschlägen mit Todesopfern. Und dieser Politikstil hat auch dazu geführt, dass sich Empörung in einer sehr breiten Öffentlichkeit quer durch die Gesellschaft Bahn gebrochen hat. Keine deutsche Band ist damals ohne Anti-Nazi-Lied ausgekommen, und keine Mülltonne ohne den Aufkleber „Jeder Mensch ist Ausländer – fast überall“.

Leider scheinen selbst Neonazis klug genug zu sein, dazuzulernen. Die heutige Welle des Rechtsterrors ist subtiler und besser vorbereitet. Statt Menschen brennen jetzt leerstehende Häuser – wo keine Menschen zu Schaden kommen, ist die Empörung deutlich geringer. Statt Fremdenangst direkt in Anschläge zu kanalisieren, werden zunächst demokratische Spielformen genutzt, um einen Markennamen „Pegida“ zu schaffen – man wird ja wohl noch mal sagen dürfen, dass Deutschland kein islamisches Land ist. Und erneut sitzen rechtsextreme Parteien in Landesparlamenten, bevor der Terror seinen Höhepunkt erreicht – diesmal jedoch getragen von einer öffentlichen Aufbruchstimmung von scheinbar anständigen Bürgern.

Dass sich in Heidenau gestern Nacht die Vorfälle vom Freitag wiederholt haben, macht mir Angst. Da stehen ekelhafte Parallelen zu Lichtenhagen im Raum: Erneut werden Polizisten als Ersatzhandlung für das eigentliche Ziel angegriffen, die Bilder erinnern erneut eher an Volksfeststimmung als an gewalttätige Auseinandersetzungen, und erneut werden Statements von Ministern abgegeben, während Angela Merkel frei nach Reinhard Mey reist, statt zu regieren.

Es ist eine fatale Fehlannahme, dass es reicht, „mit aller Härte des Gesetzes gegen Straftäter vorzugehen“. Das passiert ja durchaus – mit neun Monaten Verzögerung. Bis dahin ist über die sozialen Netzwerke der Schaden längst angerichtet. Denn im Unterschied zu 1992 findet rechtsradikale Hetze im Netz positive Verstärkung, vor allem von Leuten, die das selbst natürlich nie so sagen würden. Gezündelt wird heute mit Worten, die Brandverstärker heißen heute „Like“. Und ich fürchte fast, dass dann irgendwann doch ganz reale Menschen brennen. Es reicht eben nicht, den Justiz- und Innenminister vorzuschicken – es braucht ganz dringend ein ganz zentrales Machtwort dafür, dass es zur Gastfreundschaft Deutschlands, zur Verantwortung eines wohlhabenden Staates gegenüber Kriegsflüchtlingen keine Alternative geben kann. Fremdenfeindliche Ausschreitungen nachträglich zu verfolgen, ist nicht genug – Ablehnung als stillschweigend akzeptierter Lebensseinstellung muss vorgebeugt werden.

Ich bin überzeugter Europäer. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich in der Geburtsstadt Friedrich Schillers aufgewachsen bin. „Alle Menschen werden Brüder“ wurde mir zwischen der fünften Klasse und dem Abitur regelrecht aufgenötigt. Manchmal etwas zu aggressiv, aber ich konnte den Sinn dahinter erkennen. Vielleicht sollte man die treuen Patrioten mal daran erinnern, dass es ein Deutscher war, der die Europahymne geschrieben hat, als Mahnung an alle, dass der geistige Horizont eines Menschen nicht zwischen Ventilator und Fernseher aufhört. Noch ist nämlich August, und mir graut davor, was passiert, wenn das Bier alle ist und die Temperaturen wieder so kommod, dass man den ganzen Tag vor die Tür gehen kann, „Fliegen haben immer kurze Beine“ vor sich hin summend und mit einer Jogginghose, auf der „Todesstrafe für Kinderschänder“ steht.

Mit der Bratwurstigkeit, mit der Helmut Kohl seine Deutschtümelei vertreten hat, konnte ich als 14jähriger nicht viel anfangen. Heute bin ich durchaus glücklich, in Deutschland aufgewachsen zu sein und zu leben. Unser Bildungssystem lässt viel Transparenz nach oben zu, wir sind genau wie damals Fußball-Weltmeister, nur die permanente BD-Swiss-Werbung auf Sky Sport News HD geht mir gelegentlich auf den Keks. Oder wie es Angela Merkel in der Berliner Runde 2013 (als ich arbeitslos war, ohne Flüchtlingen oder der Lügenpresse die Schuld zu geben) ausdrückte: „Es gibt viele Menschen, die glauben, dass wir bei allen Schwierigkeiten auch in einem guten Land leben. So zu tun, als wären wir in einem der schwierigsten Länder der Welt, das ist auch ein bisschen kompliziert.“ Ich fände es sehr angebracht, wenn Angela Merkel diese Sätze 2015 wiederholen würde.

Nur Nazis mag ich immer noch nicht.

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Dieser Eintrag wurde am August 23, 2015 von veröffentlicht.
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